Verwüstete Landschaften

Oktober 23, 2009 at 8:26 (Zeitdokumente, ausgestellt) (, , , , , , )

Ristelhueber_Sophie

Sophie Ristelhueber Every One # 14 (Jeder Einzelne) Silbergelatine-Abzug, Unikat 270 x 180 cm Victoria & Albert Museum, London © Sophie Ristelhueber / Pro Litteris, Zürich 2009

Früher hatte Sophie Ristelhueber Landschaften fotografiert. Vergewaltigte Landschaften. Der Mensch dringt gewalttätig in fremde Länder, in fremde Natur ein und hinterlässt geballte Verwüstung. Manche nennen es salopp Krieg.

In den 90ern machte mich das Buch „Fait“ auf die Fotografin aufmerksam. Bilder während und nach dem Golfkrieg aus der Luft geschossen. Verlassene Panzer  im Wüstensand. Spuren des wirr durch die Gegend marschierenden Todes. Zum Teil ähneln die Aufnahmen den Zeichen im Kornfeld, bei deren Auftauchen immer die Frage gestellt wurde: „Sind die Außerirdischen unter uns?“ Bei Ristelhueber weiß man aber, dass diese Gestaltung der Natur nicht von kunstfertigen Außerirdischen vorgenommen wurde. Wir Menschen selbst sind unter uns und wüten einfach mal ein wenig rum.

Mittlerweile hat sie sich den zerschundenen Körper, den lebenden Relikten des Krieges zugewandt. Ristelhueber zeigt ohne Effekthascherei die Kriegsnarben, die Einschusslöcher,  die von Gewalt zeugenden Zeichen. Für immer im Körper eingebrannt. Nein, hier wächst kein Gras mehr. Obwohl sie in die inneren Bunker vordringt, obwohl ihre Bilder von schrecklichen Taten zeugen, liegt eine gewisse Ruhe in den Fotografien. Die stoische Haltung des zerstörten Körpers zeugt von erhabener Hoffnung. Wer auch immer du bist, wie schrecklich du auch wütest, meine Seele gehört mir.

Im Fotomuseum Winterthur findet noch bis zum 15.11.2009 die Ausstellung DARKSIDE II – Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod“ statt. Der verwesende Körper ist kein Schmusethema, aber wie soll ich sagen, Schmusezeit ist ohnehin vorbei.

Die Anwesenheit von Fotografien meiner am meisten bewunderten Fotografinnen lässt mich ohnehin fragen, wo Winterthur liegt. Sophie Calle, Nan Goldin, Sophie Ristelhueber, Cindy Sherman sind hier und jetzt im Fotomuseum zu sehen. Aber auch viele andere, die sich fotografisch der erschütterten Seite verschrieben haben. Ich brauch einen Lift in die Schweiz. Winterthur liegt doch in der Schweiz, oder?

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Am Ende der Welt VIII

September 28, 2009 at 7:05 (am ende der welt) ()

insekten

Am Ende der Welt sind die Engel Insekten. Die Maske fällt und dein Atem verschlägt dir die Sicht. Spiel mit, spiel für immer. Den Koffer lass stehen. Du brauchst ihn nicht mehr.

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Herbstdrachen

September 9, 2009 at 8:21 (abgedreht) (, , )

Sie sind unter uns. Über uns. Die Herbstdrachen ziehen von dannen. Wir bleiben zurück. Kramen Comte de Lautrémont hervor. Und zitieren die dunklen Gesänge des Maldoror.

fiener

„Er ist schön wie die Einziehbarkeit der Fänge von Raubvögeln; oder auch wie die Unsicherheit der Muskelbewegungen in den Wunden der Weichteile in der Gegend des hinteren Nackens; oder noch eher wie diese dauernd wirksame Rattenfalle, die immer vom gefangenen Tier neu gespannt wird, also selbsttätig unendlich Nager autnehmen kann und sogar unter Stroh verborgen funktioniert; und vor allem wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!“ (6. Gesang, 3. Strophe)

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Am Ende der Welt VII

August 24, 2009 at 9:42 (am ende der welt) ()

destination: end of the world.

Bis das Ende der Welt dir das Herz zerfetzt. Die Nadel sticht durch, der Luftballon platzt. Wo warst du? Verstreut im Augenblick. Reste vom Schlaf durchdringen den Raum. In Streifen geschnitten, altrosa im Ton. Dieser Zug fährt vorbei. Fährt wie immer vorbei. Die Tränen nimm mit, adieu. Doch der Himmel bleibt blau. Am Ende der Welt tanzen nur noch die Maden. Im vermodernden Traum.

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Objet trouvé I

August 10, 2009 at 6:11 (abgedreht, alles im blick, objet trouvé) (, , , , , , , , , )

Was soll das denn bitte sein? Denke ich noch als ich das Foto zum ersten Mal sehe. Stillleben mit nackter Frau, Gasmaske und Farn. Sepia-Ton. Das Bild liegt zum Verkauf auf einem Flohmarkttisch neben anderen Kuriositäten aus. Schreit mein Auge an, ich muss es haben.

Dieser Akt erschüttert mein Stilempfinden bis auf die Knochen. Es ist hässlich. Kann es nicht einordnen. Nehme es in die Hand. Kann die Ästhetik nicht ansiedeln. 70er, 80er, 90er. Vielleicht früher. Später schließe ich aufgrund der wild sprießenden Achsel- und Intimbehaarung aus. Obwohl es heute immer noch Frauen gibt, die sich dem medial eingeimpften Enthaarungskult entziehen. Vielleicht zu Recht, ist aber ein anderes Thema.

objet trouvé I

Unter einer Gasmaske versteht man eine maskenförmige Schutzbedeckung (meist aus Kunststoff, früher auch aus Leder oder Stoff), die getragen wird, um ihren Träger mittels ihrer Dichtheit gegen giftige und reizenden Kampfstoffe zu schützen. Gasmasken besitzen in der Regel einen separaten Atemschutzfilter, der entweder direkt an der Maske befestigt oder durch einen flexiblen Schlauch mit ihr verbunden ist. Neben der Anwendung im militärischen Bereich finden sich Gasmasken auch als Rettungsmittel für Zivilpersonen und im industriellen Bereich sowie als Fetischartikel für sexuelle Praktiken wie Breathcontrol. (Wikipedia)

Was soll die Gasmaske? Die Irritation steigt. Es ist Krieg, es ist Schweinepest, es ist Tschernobyl, egal was, mit Gasmaske bleibst du entspannt im Hier und Jenseits. Diese Inszenierung ist so grottenschlecht, dass ich kaum ein anderes Beispiel derart mieser Fotografie finde. Trotzdem beschäftige ich mich damit. So funktioniert Werbung. Nicht mögen, aber kaufen. Wirbt der Gasmaskenproduzenten hier? Seht wie sexy Gasmasken sind. Leider ganz und gar verfehlt. Das mit dem sexy. Die Frau verkrampft die Arme, verschränkt die Beine, steif bis in die Zehenspitzen liegt sie vollkommen unmotiviert rum. Ganz und gar nicht sexy. Diese Gasmaskenmarke hat mein Vertrauen verzockt. Will ich nicht kaufen.

Wenn es aber keine Werbung ist, was dann? Yoga ist es definitiv nicht. Spielzeug vielleicht. Gibt es Gasmaskenfetischisten? Bei Wikipedia lese ich was von Breathcontrol. Wir spielen Angriff der chemischen Keule, haben uns währenddessen lieb, vielleicht mit ein wenig Wehtun. Halt doch einfach die Luft an. Pass auf, dass es dir den Atem nicht verschlägt. Für immer.

Das Allermerkwürdigste an diesem Akt ist aber dieser Farn im Vordergrund. Selten so eine lieblos hingeworfene Dekoration gesehen. Auch das Hinzuziehen dieser Gefäßsporenpflanze verleiht dem Akt nichts Weiches. Im Gegenteil, der Farn unterstützt das Gesamturteil. Dieses Bild ist eines der hässlichsten Bilder der Welt. Hat ein Apfel und ein Ei gekostet. Und wenn herauskäme, dies sei ein Frühwerk von Helmut Newton oder womöglich von Peter Lindbergh, es würde nichts ändern. Niente. Nada. Nicht in diesem Fall.

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Am Ende der Welt VI

August 5, 2009 at 8:42 (am ende der welt) (, , , )

karpaten-quelle

Am Ende der Welt fallen die Worte auseinander. Sie haben schwarze Stummel im Mund. Spalten Sonnenblumenkerne. Spucken die Schalen vor deine Füße. Lachen dich an. Lachen dich aus. Am Ende der Welt ist die Köchin morgens betrunken. Viel Schnaps und kein Frühstück. Den Karren zieht trotzdem das Pferd aus dem Dreck. Am Ende der Welt entspringt eine Quelle. Über alles wächst Gras.

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Nymphen überall

Juli 13, 2009 at 10:01 (derive, kunst, urban art) (, , , , , , , , , , , , )

nymphen

Wo man nur hinsieht: Nymphen. Echo, die von Hera ihrer Stimme beraubt wurde. Lange nicht an Nymphen gedacht. Leukosia, Ligeia und Parthenope, die drei Sirenen, die Odysseus um den Verstand singen wollten. Immer wieder Nymphen. Auch die berühmte Calipso und die zaubermächtige Circe waren beide Nymphen. Noch mehr Nymphen. Besonders schöne Nymphen malt die französische Urban Art Künstlerin CIOU (www.ciou.fr). Nymphen überall und wo sind die Satyrn?

[Nymphe: Griechisch nymphe, lateinisch nympha, eine Braut oder eine heiratsfähige junge Frau. Dasselbe Wort wurde für Symbole der weiblichen Genitalien wie Lotusblüten, Wasserlilien und bestimmte Muscheln benutzt. „Nymphen“ dienten, besonders bei sexuellen Zeremonien, in den alten Tempeln der Großen Göttin als Priesterinnen. Sie stellten dabei das göttliche Prinzip blühender Fruchtbarkeit dar und waren manchmal als Bräute Gottes bekannt.

Das Wort „Nymphe“ wurde im Mittelalter sowohl auf eine Hexe als auch auf eine Fee angewandt, weil beide von den vorchristlichen Feen abstammten.

Die Nymphen versenkten als Naturgeister ihre Seelen angeblich auf ewig in bestimmten Teilen der Natur. Die Natur wurde im Altertum von der Großen Göttin beherrscht, und es gab Wassernymphen, Baumnymphen, Bergnymphen und Nymphen, die in der Erde wohnten, im Meer oder im Feenland. Ihre alte Verbindung mit der Sexualität blieb mehr oder weniger durchgehend erhalten. „Nymphomanie“ ist auch heute noch ein Ausdruck für sexuelle Besessenheit.] → „Das geheime Wissen der Frauen“ – ein Lexikon, Deutscher Taschenbuchverlag.

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Die Gräfin und ich

Juli 10, 2009 at 1:28 (gelesen, reisen, slowakei, ungarn, zelluloid) (, , , , , , )

Historienschinken ist wohl ein graffittiGenre und keine Wurst. Mag ich nicht. Komplexe Zusammenhänge werden auf das Schema „Frau trifft Mann“ reduziert und in Zelluloid-Sülze verwandelt. Der Rest ist Staffage. Jüngst kam „Die Gräfin“ in die Kinos. Ein Film über die ungarische blutrünstige Gräfin Erzsébet Báthory, die Jungfrauen ermordet haben soll, um in deren Schönheit verheißendem Blut zu baden.

Es gibt Gerüchte, die besagen, Bram Stoker hätte für Dracula nicht den pfählenden transsylvanischen Fürsten Vlad Tepes als Vorbild gehabt, sondern eben genau diese 1560 geborene ungarische Gräfin mit schwierigem Charakter. Wohlgemerkt. Viele abenteuerliche Legenden ranken sich um die Gräfin, als Blutgräfin mit dem eisernen Willen zum Jungsein fand sie Eingang in die Phantasien vieler. Herrschende Domina, grausame Sadistin, verführende Lesbe, Kannibalin, Satanistin, kein Klischee bleibt ausgespart, wenn es um die Báthory geht. Der weibliche Gilles de Rais. Neben all den Geschichten – wahr und ausgedacht – kommt jetzt mal wieder ein Film.

familienwappen-bathory

Da gibt es kein Entkommen, den Film muss ich sehen. Denn die Gräfin und ich sind verbunden. Nicht irgendwie, sondern durch ihren Familienwappen. Auf der Schulter tätowiert trage ich es mit ins Grab, ein Geheimnis, die Tätowierung. Mit Erzsébet verbunden? Hat mir eine Freundin gestochen, vor gefühlten 100 Jahren. Ist schon verblasst, verzerrt, die Tinte verwaschen, aber da, auf dem Rücken, noch da. Wenn ich nach den Gründen gefragt werde, erzähle ich jedes Mal eine andere Geschichte, sie sind alle wahr und gleichzeitig ausgedacht, ich weiß es nicht mehr genau. Es war mal sehr wichtig. Der Drache, der sich um die drei spitzen Zähne windet. Ihr Familienemblem, die Tätowierung auf meiner Schulter.

Welche junge Frau jongliert nicht mit Ambivalenz und Verführung, der aufkommenden Femme Fatale, wenn die pubertäre Femme Fragile überwunden ist? Erotik und Feminismus gehen Hand in Hand in deiner Phantasie spazieren. Bilder reihen sich an Bilder. Klischees an Klischees. Paloma Picasso spielt in dem softpornografischen Episodenfilm von 1973 „Unmoralische Geschichten“ die nach Jungfrauen dürstende Gräfin Báthory. In 70er Jahre Ästhetik. Mit Tonnen von wuchernder Schambehaarung und der Wanne voll Blut.

Zu den Blutbadtheorien der Báthory gibt es allerdings keinen ernsthaften historischen Verweis. In den Prozessakten ist nichts dergleichen zu finden. War sie einfach nur eine schöne, kluge und dominante Frau? Oder doch die Heroine des Grauens, wie der Schriftsteller Michael Farin sie tituliert? Steckten wirtschaftliche Interessen hinter ihrer Anklage? Alles erfunden oder nur die Hälfte? Abgekatertes Spiel, um sie als einflussreiche Person loszuwerden? Das 17. Jahrhundert war kein Zuckerschlecken. Bei einem Prozess konnte Folter durchaus als Instrument der Wahrheitsfindung eingesetzt werden. Bis einer sagt, was man hören will. So einfach war das und gar nicht unüblich. Aber wer wollte was und wieso hören? Nach dem Tod ihres grausamen Mannes, dem ungarischen Vizekönig, schien sie ihre sadistischen Ambitionen zügelloser auszuleben. Was hatte man ihr angetan? War sie Täter, war sie Opfer? Auf jede Frage stellen sich fünf Antworten und zehn Legenden in Reih und Glied.

ruinen-burg-cachticeUm dieser mysteriösen Frau auf die Schliche zu kommen, begab ich mich vor einer lang zurückliegenden  Zeit auf ihre Fährte. War in der Ruine ihres Schlosses Csejte, heute Cachtice in der Slowakei. Habe in meinem jugendlichen Elan Blut für sie gespendet. Um ehrlich zu sein, handelte es sich bei meinem Blutopfer um ein benutztes Tampon, dass ich theatralisch in den Ruinen liegen lassen habe. Aus Impuls, fern von Satanismus. Habe tagelang in der Nationalbibliothek von Budapest in alten Originalbüchern geschmökert, habe ihre degenerierte Familie studiert, Farin, Klaniczay und Sacher-Masoch gelesen. Je mehr Informationen und Phantasien – fremde und eigene – zusammenkamen, desto verwirrender das Gesamtbild.

Es sind junge Frauen gestorben. Ist Fakt. Báthory hat sadistische Triebe in einer sadistischen Zeit gehabt. Anzunehmen. Wieweit ist sie gegangen? In dem Prozess von 1611 haben fast alle gegen sie ausgesagt. Bis auf ihre Amme. Báthory hat sich nicht geäußert, hat sich nicht verteidigt, wurde nicht verurteilt, wurde eingemauert. Prozesse im 17 Jahrhundert müssen nicht unbedingt vertrauensvolle historische Quellen sein. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen noch mehr Spekulationen hinzu, erdacht und erträumt. Das Bad im Blut. Manchmal halluzinieren Köpfe 100 Jahre später eine gültige Legende. Wenn alle EINS glauben, kann EINS gültig werden. Romantik pur. So kann mitunter Geschichte auch funktionieren. Bei Báthory allerdings rottet und modert die ganze Wahrheit in den Gemäuern von Cachtice.

Ach ja, der Film. „Die Gräfin“. Mit und von July Delpy. Gespannt, welches Klischee diesmal bedient wird. Die Gräfin und ich. Ein Rendez-vous im Kino. Beeilung, sie wartet nicht, vielleicht fällt mir wieder was ein, vielleicht rege ich mich ein wenig auf.

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Die Ruhe selbst

Juli 6, 2009 at 7:34 (kunst) (, , , , , )

Ich atme ein, ich atme aus. Dorothy Iannone spukt durch meinen Kopf. Letztens des Öfteren. Ihre bunten, wilden Bilder, ihre einnehmende Person. Lang ist es her. Tief ein, lang aus. Habe ich spontan zugeschlagen und einen Druck von ihr  bei ebay ersteigert. Gefreut wie eine Schneekönigin. Ein. Aus. Ungewöhnliche Größe. Heute kam es an. Ausgepackt, auf den Boden gelegt. Suche den Zollstock, um die Maße zu verifizieren. Ich atme ein, ich atme aus. Ein Bilderrahmen muss ja her. 3 Minuten höchstens. Komme zurück ins Wohnzimmer. Das Kind über dem Bild gebeugt, mit seinen Buntstiften in der Hand. Das Kind malt. Die Ruhe selbst. Auf dem Druck.

Ich atme tief ein, atme lang aus, atme ein, atme aus …

dorothy-iannone

"The next great moment in History is ours", Dorothy Iannone, 1971, Ausschnitt, Farbserigraphie mit Tusche handsigniert und numeriert auf Karton. Blattmaß: 73 x 102 cm, Ex: 84 /100, vom Kind veredelt.

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Von Märchen und Menschenfressern

Juni 26, 2009 at 8:35 (Kinderwelten, abgedreht, derive, kunst, sweet dreams) (, , , , , , , )

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Auch der faulste Junge der Welt, Tommy DoLittle, erlebt Seltsames. John A. Rowe, Neugebauer Verlag

Märchen sind was für Kinder. Sagt wer. Märchen können so grausam sein. Weiß jeder. Märchen können entführen, Märchen können berauben. Wer liest was wann. Darauf kommt es an.

Kinderbücher sind heute recht anspruchsvoll. Da geht nichts unter Cornelia Funke, Madonna oder Doris Dörrie. Bobby, der Zirkushund, kann nicht mehr viel punkten, Rotkäppchen und ihre Freundinnen sind auch nicht mehr en vogue. Nach klassischen, alten und brachialen Märchen kräht kein Hahn. Das Märchen von Hänsel und Gretel, die aus Geldmangel von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, passt zwar in unsere Zeit, wird aber nicht so gern genommen. Denn Märchen sind ja irgendwie wahr und Wahrheit verpflichtet. Auch das mit der Armut. Was auch immer das heißen mag.

menschenfresserin

Wer was auf sich hält, sucht Contemporary Art in Kinderbüchern. Die Geschichte soll rocken, sie soll in expressionistischen und surrealistischen Bildern eingebettet sein. Sie soll mit auf die Reise nehmen. Alice im Wunderland soll dagegen verblassen, schreib die Story am besten auf LSD oder mach ein Comic, schneid Löcher in das Buch, hol dir die besten Illustratoren, präsentiere das Werk in Hochglanz, lass es sprechen, nimm ein Megaphon, alles, nur nicht normal.

Zugegebenermaßen: Auch ich bin von der für mich neuen Kinderbuchgeneration beeindruckt. Dem Kind ist das egal. Es nimmt an Geschichten, was kommt. Ich hingegen suche die speziellen, die absonderlichen. Die Kinderabteilung der Stadtbücherei ist mein zweites Zuhause. Finde jedes Mal einen Schatz. So wie das Märchen von dem Schäfer Raul.

raul

"Der Schäfer Raul" von Eva Muggenthaler, Peter Hammer Verlag

Wenn Raul ein Burnout hat und meint ein Schaf zu sein, dann begibt sich Raul in die Großstadt, nimmt sich eine Wohnung, zieht sich schick an. Die Schafe hinterher. Raul geht in die Kneipe, lernt eine Frau kennen, landet mit ihr auf dem Sofa. Die Schafe schauen zu, die Schafe werden verhaftet. Eine hahnebüchene Geschichte. Eine Geschichte für Kinder. Ist die Frage. Stutze ein wenig, die außergewöhnlichen Illustrationen von Eva Muggenthaler helfen aber schnell über diese Hürde. Einschlafhilfe ist das Märchen allemal.

Wenn Muggenthaler die Balkone von Hochhäusern in verzerrter Perspektive malt, alles ins Dunkel taucht, dann spürt man die Einsamkeit der Großstadt gänsehautartig, diese einlullende Wärme ausstrahlende Anonymität. Wo manche verloren, fühlen sich andere geborgen. Während man sich in den Bildern verfranst, zählt das Kind die Schafe. Das Kind will lieber Piraten, ein wenig „Peppo und Peppino“, aber schon führe ich es auf schlecht beleuchteten Pfade hinunter in die Märchenwelt.

Auch im nächsten Buch, in „Paula’s Reisen“, führt Eva Muggenthaler illustratorische Regie. Auch hier sind nicht minder grandiose Zeichnungen zu finden.

Paulas Reisen

"Paulas Reisen" von Paul Maar und Eva Muggenthaler, Tulipan Verlag

Paula reist in das Land der Kreise, alles ist rund, nur Paula nicht. Die Kugelpolizei ist hinter ihr her. Sie soll der Gegend angepasst werden. Auf der Flucht bereist Paula das Land der Ecken, das Land der roten Farbe bis hin zum Land Kopfunter. Überall fällt sie auf. Paula ist anders und schon wird sie der Gegend angepasst. Paula entflieht in das Land der Daunen, wo sie sein darf, wie sie will, wie sie ist. Nach dieser Geschichte lieben wir uns alle kreuz und quer, ob bunt, kariert, ob gross, ob klein, mit ganz viel Herz und mindestens so viel Moral. Ist nicht verkehrt.

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"Die Menschenfresserin" von Valérie Dayre, illustriert von Wolf Erbruch, Peter Hammer Verlag

Aber da habe ich schon ein anderes, ein ganz interessant aussehendes Buch in der Hand. „Die Menschenfresserin“. Die Menschenfresserin? Das Cover allein ist schon Lowbrow Art in Vollendung. Schlag das Buch auf, Bilder schlagen zurück. Übergroße Köpfe an sich windenden Körpern in collagenartigen Landschaften. Da ist diese Frau, groß und fett. Es dürstet sie nach einem Kind. Sie will es fressen, sucht und sucht. Findet irgendwann das perfekte Opfer für ihr Vorhaben. Der Affe tanzt und brüllt. Nachdem sie das Kind verspeist hat, merkt sie, es war  ihre leibliche und über alles geliebte Brut. Schluck gierig hinunter. Mahlzeit. Ab sechs.

menenfresserin5Und die Moral dieser Geschicht’, bleibt irgendwie hinterm Licht. Kind, ich hab dich zum Fressen gern. Verspeis das Balg. Schluck runter, verdau. Leide bis ans Ende aller Zeiten. Immer Vorsicht liebes Kind, Mutti frisst dich auf. Aus Liebe, trotz Liebe. Auch hier ziehen die Bilder in ihren Bann. Verhext und verloren.

Manchmal sind die Struwelpetergeschichten doch ganz niedlich. In Relation gesehen gar nicht mehr so grausam. Der Suppenkaspar isst seine Suppe nicht. Na und, verhungert er eben. Konrad lutscht am Daumen. Kein Problem, wird abgeschnitten. Wackel nicht auf dem Stuhl. Kuck nicht in die Luft. Manieren, wohlgemerkt.

Gacy

Killer Clown: The John Wayne Gacy Murders by Terri Sullivan

Zur Menschenfresserin fällt mir nur Gacy ein. John Wayne Gacy, der mordende Killerclown. Verkleidet und geschminkt gab er den Clown auf Kindergeburtstagen. Vertrauen erschlichen, Körper ermordet. Kinder in Serie. Als Serienmörder fand er auch in den Knast, dort lebte er seine künstlerische Ader aus und malte putzige Clownbilder. Auch Gacy war fett und auch er hat sich Kinder einverleibt. Erst umgebracht, dann lecker gegessen. In echt. Aus dem Knast hat er Briefe an die Eltern geschickt, wollte diese trösten. Hat ihnen en Detail geschildert, wie gut zubereitet und wie schmackhaft die Nachkommen gemundet haben. Seid nicht traurig liebe Eltern, euer Sohn war zart wie Kaninschenfleisch, passte prima zu Süßkartoffeln. Ein Schluck Wein zum runterspülen. Perfekt.

Die schrecklichsten Märchen schreibt dann doch das Leben. Vielleicht mal wieder Bernhard und Bianca lesen. Oder so.

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