Ein Hauch Erinnerung
Rosen getrocknet. Um Erinnerung zu klammern. Fest. U-Bahntickets aus der Fremde ins Tagebuch geklebt, Konzertkarten, ein Haar. Wie Laubblätter zwischen die Seiten eines Buches gestampft. Staub den Moment ein. Entreiß ihn den Fängen der Zeit. Pack den Koffer. Positionier das Besteck. Keine Menschen in Sicht. Sie waren dennoch da. Nur du, du kamst zu spät, einen Bruchteil Zeit zu spät.
Das Geschehene nahm seinen Lauf, irgendeinen Lauf, einen Lauf im Kreis des Lebens, schau nicht in den Lauf. Es geschah wie Geschichte immer geschieht. Einfach so und ohne dich. Der Ort ist jetzt Stillstand. Die Tat war vor dir da. Die Flucht. Atmen kann man nicht greifen, ein letztes Röcheln nicht streicheln. Sie haben Spuren hinterlassen. Lies die Fährte. Folge ihr. Sie führt nirgendwohin. Sagen die Alten im Dorf.
Mehr Bilder von Mari Mahr unter http://zonezero.com/exposiciones/fotografos/mahr/menu.html.
Nele

Ich warte, dass meine Freundin stirbt. Weil Warten mein Leben ist. Abgeschaltet werden. Warten, dass das eine Licht erlischt. Das Leben der Anderen. Worte bahnen sich ihren Weg ins Ohr, ins Hirn, ins Nirwana. Worte ohne Verstand. Allein der Glaube schüttelt mit dem Kopf. Nein. Organversagen, Intensivstation, die Lichter blinken unentzifferbare Zahlen, Geräte piepen regelmäßig im Rhythmus des Sterbens, aus deinem gelb gefärbten Körper, der nur vage an dich erinnert, du bist es dennoch, ich erkenne dich, laufen Schläuche kreuz und quer. Rote flüssige Masse erinnert an Unendlichkeit. Es ist Blut. Es fließt. Du lebst. Jemand muss alles entwirren. Die Hoffnung steht hinten in der Schlange und gähnt, die Schlange ist lang, sie ist giftig, reih dich ein. Ich sagte: NEIN. Hört mich ein Jemand? Schrei mein Herz. Frisst dich durch Blutbahnen, zersetzt Zellen, Knochen, Organe, Gedanken und Liebe. Wohin des Weges, Abart der Zerstörung? Ein dreiviertel Jahr Abgrund – es ist nicht wahr, es ist wahr, es ist nicht wahr. Die Würfel sind gefallen. Es ist wahr. Im Zwielicht erkennst du des Spukes Fratze nicht. Wir haben geflucht, schallend gelacht, dem Krebs in die Fresse. Geladen, geschossen, gekämpft und gelitten. Wir haben geschrieben, du, geliebte Gefährtin, mit dem Wort um die Wette geeifert. Deine Geschichte für immer in meine gewebt. Am Ende verloren. Rien ne va plus. Ist es das Ende? Der Himmel bricht auf. Und wenn du vom Schlachtfeld gehst, geh in Stolz und Würde, nichts weniger wäre deinem Leben gerecht. Lass sie gehen. Kann nicht. Und ein Stück von mir geht mit. Halte dir im Geiste die Hand. Nimm mich mit. Lässt mich zurück. Stein für Stein bröckelt die Wut, rieselt der Kummer die Herzkammern entlang. Mein Herz steht still und ich atme dennoch weiter. Sei leise. Hör die Nacht im Winde flattern, launisch wie ein Kind. Hör auf, schreib, nie wieder schreiben, schreib. Für sie. Nele ist tot.
Der alte Mann und das Bild
In den mitunter ironischen Selbstinszenierungen des Fotografen Gilbert Garcin scheint die gesamte Bandbreite der menschlichen Komödie angelegt zu sein. Jede seiner minimalistisch gestalteten Fotografien gleicht einem theatralischen Akt auf der obskuren Bühne des Lebens.
Ein älterer Mann mit schütterem, weißen Haar, in leicht gebückter Haltung und in einen grauen Mantel gehüllt, taucht an verschieden Orten auf. An Orten, die an der Grenze zum Realen angesiedelt und im Stil der Stummfilmästhetik ausgeleuchtet sind. Er ist von hinten zu sehen, im Profil, von vorne, alleine oder in Begleitung: Dieser unscheinbar wirkende Mann lädt ein, ihm zu folgen, sich auf rätselhafte Abenteuer einzulassen, in denen menschliche Marionetten von unsichtbarer Hand gezogen werden oder ein aus Steinquader zusammengesetzter Kopf in seine Bestandteile zerbröckelt. Zeit ist dein Schicksal, Mensch. Den Rest des Beitrags lesen »
Femme Freak

Eine Tasse Abenteuer, bevor das Schiff in deinem Kopf die Segel hisst, auf schwarzen Locken wellenreitet, Wale zu Gedanken werden, springen rein, springen raus, wachsen Köpfe aneinander, Meerjungfrau summt dir ein Lied, Gedanken zu Blumen. Und dann noch eine Tasse Tee.
Mehr Abenteuerbilder von Aitch Heliana unter http://aitch.carbonmade.com
You gotta take it to hell
Willkommen im Karussell der Dämonen. Wirbeln Sie Ihre Ängste durch die Luft. Willkommen im Reich der Geister. Fahren Sie eine Runde Riesenrad, tot geboren, lebendig begraben. Alte Seelen tanzen im Wind. Darauf wartend geschrieben zu werden. Nehmen Sie Platz in der Achterbahn der Gefühle, machen Sie es sich gemütlich, Katharsis beginnt sogleich. Ein wenig mehr Leidenschaft, meine Damen und Herren! Willkommen in der Zirkusshow, hier wo Freaks und Serienkiller Geschichten erzählen. Von der anderen Seite. Engel trompeten. Schrei mein Herz. Treten Sie ein, meine Herrschaften. Abgebissene Rattenköpfe, das Blut tropft das Kinn hinunter, ein Fötus treibt im Einmachglas, konserviert in Flüssigkeit, ein Mann explodiert auf der Bühne. Herzlich willkommen in der Welt von Joe Coleman, kommen Sie näher! Betreten Sie Ihr Innerstes, den Ort, den Sie sonst meiden. Steigen Sie ein, steigen Sie in das Bild, die Reise beginnt.

"... Think if you could literally explode, if you could literally blow up but still be there after it, then you wouldn’t have to kill all the people you would like to kill. You could literally make it a catharsis by exploding. I think everybody has felt trapped in their body before. You must have felt like you just wanted to explode sometime. It is an attempt to try to communicate with another person, too. I mean, if you stab someone, that’s a connection to another person too – it is also one that is suicidal because it kills you and the act. I don’t want to go in that direction, because I don’t want to be killed. But I need to express that, so how do you express it, how do you get it out? You can’t read fucking poetry, you can’t sing a folk song, that don’t get it. You gotta take it to hell. In order to have a real catharsis for a modern audience you have to deal with modern demons. You don’t find them by looking outside, you find them by looking inside, by what’s inside of you, because what is inside of me is also inside of you, you come from the same culture that I do. They might not always be specific, but for the most part you’ve gonna be able to identify with my symbols, those that move me. I put the inner demons outside, because they are less dangerous outside. If they are inside and they are locked in there, they get repressed, they can get really dangerous and that’s why you need a valve to unload the pressure. The performance is part of it and so is the painting. Paintings are more like archeological digs in my own head. I just start anywhere and I don’t really know what a painting is gonna be. So I let it tell me what’s going on. I'll finish a piece completely and then add another one like a puzzle or like a scrawl and by the time the thing is finished, I'll find out something that was going on inside and even though the surface has been build up. I'm actually digging ..." (from the Interview with Joe Coleman by Dana Bordan & Rudolf Stoert, N.Y.C., ages ago)
Bis zum 22. Dezember 2010 findet in der Dickinson Gallery in New York die Einzelausstellung „Joe Coleman: Auto-Portrait“ statt. Zusätzlich ist Joe Colemans Houdini Portrait „The Man who walked through Walls“ im Jüdischen Museum New York in der Ausstellung „Houdini: Art and Magic“ zu sehen. Hinfliegen.
Mehr von Joe Coleman unter www.joecoleman.com
Weg

Es gibt Bilder, die schaut man an und vergisst. Vergisst sich. Taucht in Welten vergilbter Zeit ein. Nimmt den Pfad durch das Dickicht des Unbewussten. Bieg ab. Dorthin, wo Menschen aus dem Rahmen fliegen. Sie lassen Federn und offene Bücher zurück, wispern dir aus dem Raum entfleuchte Geschichten ins Ohr. Ich bin doch da. Hast du noch gedacht. Und warst schon weg. Weg in den Bildern von Maleonn.
Mehr Bilder des chinesischen Fotokünstlers Maleonn auf http://www.maleonn.com/.
Damals
Damals ist immer wann anders. Aber damals als die Mauer fiel, blieb die Zeit stehen. Der Atem stockte. Blieb die Zeit in unseren Herzen stehen. Als die Welt nach Atem rang, zerbarsten wir über Berlin in Millionen Fragmente. Und erfanden uns neu. Wer auch immer wir vorher waren, oder nicht waren, wir waren es danach nie wieder.
Während sich die Menschheit sammelt und die Geschichte sich langsam ordnet, fallen Teile Berlins in Trance. Damals in den 90ern. Wie von Geisterhand entfesselt stampft die Stadt ihren eigenen Rhythmus. Marode Häuserfassaden, jahrzehntelang verlassene Keller werden zur Bühne für eine unkontrollierbar wütende Energie. „Reiß alles nieder, steig aus der Asche empor“ heißt das Stück. Im Schutt schicksalhafter Geschichte geben sich Kunst, Trash und Techno ein Stelldichein. Mitten auf der Straße. Dichte mein Werk. Zusammengeschusterte Galerien und Clubs sprießen wie Unkraut aus dem wiedervereinigten Boden, halb legal, oft illegal. Kleb die Landkarte zusammen. Es gibt kein Morgen danach. Ist das Gefühl. Es gibt keine Regeln, lebe es aus, atme es ein, alles ist erlaubt. Den Rest des Beitrags lesen »
Symphonie des Grauens
Verwirrung beim Anblick der auf der Treppe positionierten Armee von vermummten Schwangeren – gibt es ein bedrohlicheres Bild für Fruchtbarkeit? Weibliche Kriegsmaschinen, menschliches Nachrüsten, ein paar Bilder weiter bilden verschleierte Köpfe eine undurchdringliche Mauer. Die Mauer des Schweigens. Individualität scheint verloren. Für immer aus und vorbei.
Solche und ähnlich düstere Assoziationen von Krieg und Gefangenschaft, Uniformität und religiösem Wahn, Isolation und Gehorsam drängen sich beim Betrachten der Fotografien von Misha Gordin auf. Den Rest des Beitrags lesen »
Für dagegen

Für das Dagegen sein, den Blick umkehren, woanders hinschauen, die Gardinen aufreißen, den Ausblick genießen. Antifotos auf der ANT!FOTO in Düsseldorf.
Am Ende der Welt X
Ja, einige können Natur zu Papier bringen. Würde ich auch gern können. Kann ich aber nicht. Obwohl ich gern durch Natur schreite. Wandere mein Herz. Sogar. Ich lass mir den digitalen Stecker ziehen und suche Plätze auf, an denen man nur unter fast unüberwindlichen Widrigkeiten ans Netz kommen kann. Am Ende der Welt. Nenn es Entzug. Ich suche also Natur, erhaben, fernab, menschenleer. Hoffe zu finden, was auch immer, zur Not auch mal mich. Und ahne den Misserfolg.
Das Grün des hügeligen Grünes könnte ich beschreiben, die azurblauen Wellen des verheißungsvollen Meeres. Von Zeit gewaschene Felsen, aal dich in Hitze, mittags in Sonne getränkt, der Wind richtet Brustwarzen auf, leichte Brise. Die Wolken spielen ein Stück, wehen Sorgen in mehreren Akten hinfort. Von wilden Blumen und roten Mohn könnte ich berichten, von glitzernden Steinen in feuriger Abendsonne und dem Klang des Wassers, wenn es sich im Ohr bricht. Denn all das sehe ich, höre ich. Auch. Beim Gehen. Und rieche den Duft von Salbei und Rosmarin. Es liegt in der Luft. Bereit. Den Rest des Beitrags lesen »




