Carne vale – Fleisch, lebe wohl

Februar 9, 2010 at 4:24 pm (Spektakel) (, )

Tanzt in der Wüste der Zerstreuung, tanzt in goldenen Ketten, in verschwommenen Wörtern, gestanzt und gelallt! Tanzt Angst und Sünde lustig drauflos, mächtig, allmächtig. Tanzt hoch in den Lüften – da liegt man nicht eng! Tanzt munter zu Asche – so wie Feuer munter den Wald verbrennt!

Gebeugt der Körper, im Gleichschritt ins Grau, vom Winter gebeutelt, die Sinne geraubt. Sie laufen vorbei, laufen an einem vorbei, laufen ohne Kopf vorbei, bleiben nicht stehen. Und dann: mitten im Februar wechselt das Bild. Wechseln sie ihr Gesicht, ihre Farbe, wechseln sie die Maske, sprengen ihre Fesseln, gehen außer sich, verwandeln sich in Narren und Hexen, Clowns und Schweine, willkommen im Tollhaus, zum Fürchten verdammt.

Es ist die Zeit, diese fünfte Jahreszeit, in der Jecken in die Bütt steigen, sich bützen, einen Nubbel verbrennen und Quetschenbügel bedienen; es ist Karneval. Carne vale. Fleisch, lebe wohl.

Freude auf Knopfdruck prasselt nieder in lüsterne Herzen, Gerüst grotesken Grauens, grundlos grausam. Die Tollheit greift um sich, Ritter der Schwafelrunde haben das Wort, das Wort erschuf die Welt, das Trugbild, den Gesang. Das Narrenschiff rollt. Lustige Menschen mit roten Nasen halten flammende Reden in fremden Zungen. Gleiten die Zungen in fremde Münder, beißen sich fest, sabbern sich an. Hangeln sich vom Schmutzigen Dunschtig über den Schmalzigen Samstag zu Rosenmontag. Fastnacht.

Naja, also, der freie Jeck, ähm … souveränes Subjekt historischen Fortschritts, voll aufgeklärt und Herr nicht nur seines Verstandes, nein, sondern auch seiner  – Tusch! Tusch! Helau! Und noch mal: (diesmal mit viel Blech: Trompete und Posaune,  JAWOLL! ein T-U-S-C-H! und ein HELAU!) – ähm … seiner Begierde, JAWOLL! Also. Dieser freie Jeck regiert.

Aber. Muss man dem absoluten Horror ‘Karneval’ nicht auch mal ein Lächeln abgewinnen? Ein lustiges Lachen, an dem man langsam zu ersticken droht? Ein „et muß widder jet ze laache jevve!“? Wohl kaum.

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Ein Bild, ein Abenteuer

Dezember 29, 2009 at 8:06 am (derive, fotografie, kunst) (, , , )

„Der ganze Prozess, angefangen vom Bau der Kamera bis zum fertigen Bild, ist für mich wie ein Abenteuer."

Raumverzerrungen, Schachbrettmuster, reife Früchte, inszeniertes Gemüse: Edyta Wypierowskas Stillleben umweht ein Hauch von Jahrmarkt, antik gewachst und traumgebohnert.

Verblichen erscheinen die Fotografien der Polin Wypierowska. Verblichen und mit Patina belegt. Perspektivisch verzerrt. Vor allem aber unscharf. Die Unschärfe der selbst gebauten Lochkamera.

Stilleben I

Stilleben I

In ihrer Serie „Stilleben I“ richtet sie – inspiriert von August Kotzsch Arbeit von 1870  – diese Kamera auf Obst und Gemüse.

Die zu Arrangements drapierten Feigen, Zitronen, Trauben und Kirschen werden minutenlangen Belichtungszeiten ausgesetzt. Eine Zeit,  in der die Früchte vor der Kamera – geduldiger als Models aus Fleisch und Blut – die Reife zu vollziehen scheinen. Überreif und artfremd enden sie schließlich auf Barytpapier. Die partiellen Unschärfen verleiten dazu, das Auge genauer auf das Bild zu fokussieren. Es ist diese Unschärfe, die Wypierowska mitunter mit der menschlichen Wahrnehmung vergleicht: „Wir sind nicht im Stande, alles exakt zu beschreiben oder zu verstehen.“

Stilleben II

Andere Bildelemente wiederum hebt die Fotografin, die hauptsächlich mit Tageslicht arbeitet, mithilfe der Sonne und eines Spiegels hervor. Wie Traumfetzen reihen sich die Spielkarte, das überdimensionale Blatt, die Leiter in die Serie „Stillleben II“ ein.

Das Zirkuspferd trottet daher, die Manege leer, das Publikum schon seit Jahrzehnten fort, lediglich die Trapezleiter weht verlassen im Wind. Oder doch nur eine Schachfigur allein auf dem Spielfeld? Hier fängt die Geschichte an, hier hört sie auf.

„Wir sind nicht im Stande, alles exakt zu beschreiben oder zu verstehen.“

Die einzige Konstante, das immer wiederkehrende Element in dieser Serie ist das Schachbrett. Das Schachbrett als Verbindung von Raum und Zeit, als Symbol für Dualität. Schwarz-Weiß, Zufall-Schicksal; eine Bühne entsteht vor einem transparent-brüchigen, aufgewühlten Hintergrund, Wypierowskas Bühne.

„Der ganze Prozess, angefangen vom Bau der Kamera bis zum fertigen Bild, ist für mich wie ein Abenteuer.“ Ein Abenteuer aus einer Zwischenwelt,  mit einer Traummaschine im Bild festgehalten, ein Bild, das man nicht ganz fassen kann und einem entfleucht, so wie die Luftballons im Rachen des Himmels verschwinden, so wie die Zeit durch die Finger entrinnt.

Mehr Infos, mehr Bilder unter: www.wypierowska.com

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Tanz der Finsternis

Dezember 16, 2009 at 11:22 am (Spektakel, Theater, kunst, reisen, ungarn, zelluloid) (, , , )

Ein Butoh Tanzfestival in Budapest. Gibt es einen passenderen Ort für diesen Tanz der Finsternis? Nein. Denn keine Kulisse könnte in Europa besser passen als diese morbide Stadt an der Donau, die im Winter all ihre farbenfrohe Pracht verliert und nur als abgemagerter Schatten ihrer selbst wirkt. Faust aufs Auge. Verfallene Häuser, an denen der Ruß für die Ewigkeit zu kleben scheint. Auf der Strasse noch mehr Dreck und Lärm und auch lebendes Gedärm.

Die Armut spuckt dir ins Gesicht. Ohne Dach zum Anfassen. Dazwischen sitzt eine Frau in ihrem Erbrochenen und isst Schleim. Sie fragt nicht nach Geld. Da wo sie ist, braucht sie es nicht mehr. Natürlich bietet Budapest auch Prunkvolles, Überbleibsel längst erloschener Monarchien, vor allem für Touristen. Aber der wirkliche Charme liegt auf der Strasse. Im Winter grau in grau. Ein romantisches sich aus dem Fenster werfen keimt hoch. Auf der Strasse unter Laternen verrecken. Gelbes Licht fällt auf dein purpurrotes Blut. Wie gesagt, ein guter Schauplatz für Butoh und dem fratzenhaften Tanz der Dämonen. Dämonen, die in dir wohnen.

Vier Tage und Nächte lang gibt die Haute Volée dieser aus Japan stammenden Kunstform an verschieden Orten in Budapest ein künstlerisches Stelldichein. Filme, Performances, Vorträge. Sich auf den schmalen Grat zwischen Traum und Albtraum begeben. Bilder sehen, fühlen, schmecken, einverleiben. Spätestens im Rudas Bad – das alte römische Bad ist eines der Veranstaltungsorte – kann man die Realitätsketten über Bord werfen und sich frei schwimmen, in die Lüfte empor schwingen. Weihnachtsmarkt war gestern, Butoh ist heute.

Butoh Tanz Festival (http://www.butoh.hu/) vom 17. – 20.12.2009 in Budapest: Performances, Filmvorführungen, Ausstellung, Symposium, Party

Permalink 2 Kommentare

Verwüstete Landschaften

Oktober 23, 2009 at 8:26 pm (Zeitdokumente, ausgestellt, fotografie) (, , , , , , )

Ristelhueber_Sophie

Sophie Ristelhueber Every One # 14 (Jeder Einzelne) Silbergelatine-Abzug, Unikat 270 x 180 cm Victoria & Albert Museum, London © Sophie Ristelhueber / Pro Litteris, Zürich 2009

Früher hatte Sophie Ristelhueber Landschaften fotografiert. Vergewaltigte Landschaften. Der Mensch dringt gewalttätig in fremde Länder, in fremde Natur ein und hinterlässt geballte Verwüstung. Manche nennen es salopp Krieg.

In den 90ern machte mich das Buch „Fait“ auf die Fotografin aufmerksam. Bilder während und nach dem Golfkrieg aus der Luft geschossen. Verlassene Panzer  im Wüstensand. Spuren des wirr durch die Gegend marschierenden Todes. Zum Teil ähneln die Aufnahmen den Zeichen im Kornfeld, bei deren Auftauchen immer die Frage gestellt wurde: „Sind die Außerirdischen unter uns?“ Bei Ristelhueber weiß man aber, dass diese Gestaltung der Natur nicht von kunstfertigen Außerirdischen vorgenommen wurde. Wir Menschen selbst sind unter uns und wüten einfach mal ein wenig rum.

Mittlerweile hat sie sich den zerschundenen Körper, den lebenden Relikten des Krieges zugewandt. Ristelhueber zeigt ohne Effekthascherei die Kriegsnarben, die Einschusslöcher,  die von Gewalt zeugenden Zeichen. Für immer im Körper eingebrannt. Nein, hier wächst kein Gras mehr. Obwohl sie in die inneren Bunker vordringt, obwohl ihre Bilder von schrecklichen Taten zeugen, liegt eine gewisse Ruhe in den Fotografien. Die stoische Haltung des zerstörten Körpers zeugt von erhabener Hoffnung. Wer auch immer du bist, wie schrecklich du auch wütest, meine Seele gehört mir. Den Rest des Beitrags lesen »

Permalink 2 Kommentare

Am Ende der Welt VIII

September 28, 2009 at 7:05 pm (am ende der welt) ()

insekten

Am Ende der Welt sind die Engel Insekten. Die Maske fällt und dein Atem verschlägt dir die Sicht. Spiel mit, spiel für immer. Den Koffer lass stehen. Du brauchst ihn nicht mehr.

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Herbstdrachen

September 9, 2009 at 8:21 pm (abgedreht) (, , )

Sie sind unter uns. Über uns. Die Herbstdrachen ziehen von dannen. Wir bleiben zurück. Kramen Comte de Lautrémont hervor. Und zitieren die dunklen Gesänge des Maldoror.

fiener

„Er ist schön wie die Einziehbarkeit der Fänge von Raubvögeln; oder auch wie die Unsicherheit der Muskelbewegungen in den Wunden der Weichteile in der Gegend des hinteren Nackens; oder noch eher wie diese dauernd wirksame Rattenfalle, die immer vom gefangenen Tier neu gespannt wird, also selbsttätig unendlich Nager autnehmen kann und sogar unter Stroh verborgen funktioniert; und vor allem wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!“ (6. Gesang, 3. Strophe)

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Am Ende der Welt VII

August 24, 2009 at 9:42 pm (am ende der welt) ()

destination: end of the world.

Bis das Ende der Welt dir das Herz zerfetzt. Die Nadel sticht durch, der Luftballon platzt. Wo warst du? Verstreut im Augenblick. Reste vom Schlaf durchdringen den Raum. In Streifen geschnitten, altrosa im Ton. Dieser Zug fährt vorbei. Fährt wie immer vorbei. Die Tränen nimm mit, adieu. Doch der Himmel bleibt blau. Am Ende der Welt tanzen nur noch die Maden. Im vermodernden Traum.

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Objet trouvé I

August 10, 2009 at 6:11 am (abgedreht, alles im blick, objet trouvé) (, , , , , , , , , )

Was soll das denn bitte sein? Denke ich noch als ich das Foto zum ersten Mal sehe. Stillleben mit nackter Frau, Gasmaske und Farn. Sepia-Ton. Das Bild liegt zum Verkauf auf einem Flohmarkttisch neben anderen Kuriositäten aus. Schreit mein Auge an, ich muss es haben.

Dieser Akt erschüttert mein Stilempfinden bis auf die Knochen. Es ist hässlich. Kann es nicht einordnen. Nehme es in die Hand. Kann die Ästhetik nicht ansiedeln. 70er, 80er, 90er. Vielleicht früher. Später schließe ich aufgrund der wild sprießenden Achsel- und Intimbehaarung aus. Obwohl es heute immer noch Frauen gibt, die sich dem medial eingeimpften Enthaarungskult entziehen. Vielleicht zu Recht, ist aber ein anderes Thema.

objet trouvé I

Unter einer Gasmaske versteht man eine maskenförmige Schutzbedeckung (meist aus Kunststoff, früher auch aus Leder oder Stoff), die getragen wird, um ihren Träger mittels ihrer Dichtheit gegen giftige und reizenden Kampfstoffe zu schützen. Gasmasken besitzen in der Regel einen separaten Atemschutzfilter, der entweder direkt an der Maske befestigt oder durch einen flexiblen Schlauch mit ihr verbunden ist. Neben der Anwendung im militärischen Bereich finden sich Gasmasken auch als Rettungsmittel für Zivilpersonen und im industriellen Bereich sowie als Fetischartikel für sexuelle Praktiken wie Breathcontrol. (Wikipedia)

Den Rest des Beitrags lesen »

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Am Ende der Welt VI

August 5, 2009 at 8:42 pm (am ende der welt) (, , , )

karpaten-quelle

Am Ende der Welt fallen die Worte auseinander. Sie haben schwarze Stummel im Mund. Spalten Sonnenblumenkerne. Spucken die Schalen vor deine Füße. Lachen dich an. Lachen dich aus. Am Ende der Welt ist die Köchin morgens betrunken. Viel Schnaps und kein Frühstück. Den Karren zieht trotzdem das Pferd aus dem Dreck. Am Ende der Welt entspringt eine Quelle. Über alles wächst Gras.

Permalink 2 Kommentare

Nymphen überall

Juli 13, 2009 at 10:01 am (derive, kunst, urban art) (, , , , , , , , , , , , )

nymphen

Wo man nur hinsieht: Nymphen. Echo, die von Hera ihrer Stimme beraubt wurde. Lange nicht an Nymphen gedacht. Leukosia, Ligeia und Parthenope, die drei Sirenen, die Odysseus um den Verstand singen wollten. Immer wieder Nymphen. Auch die berühmte Calipso und die zaubermächtige Circe waren beide Nymphen. Noch mehr Nymphen. Besonders schöne Nymphen malt die französische Urban Art Künstlerin CIOU (www.ciou.fr). Nymphen überall und wo sind die Satyrn?

[Nymphe: Griechisch nymphe, lateinisch nympha, eine Braut oder eine heiratsfähige junge Frau. Dasselbe Wort wurde für Symbole der weiblichen Genitalien wie Lotusblüten, Wasserlilien und bestimmte Muscheln benutzt. „Nymphen“ dienten, besonders bei sexuellen Zeremonien, in den alten Tempeln der Großen Göttin als Priesterinnen. Sie stellten dabei das göttliche Prinzip blühender Fruchtbarkeit dar und waren manchmal als Bräute Gottes bekannt.

Das Wort „Nymphe“ wurde im Mittelalter sowohl auf eine Hexe als auch auf eine Fee angewandt, weil beide von den vorchristlichen Feen abstammten.

Die Nymphen versenkten als Naturgeister ihre Seelen angeblich auf ewig in bestimmten Teilen der Natur. Die Natur wurde im Altertum von der Großen Göttin beherrscht, und es gab Wassernymphen, Baumnymphen, Bergnymphen und Nymphen, die in der Erde wohnten, im Meer oder im Feenland. Ihre alte Verbindung mit der Sexualität blieb mehr oder weniger durchgehend erhalten. „Nymphomanie“ ist auch heute noch ein Ausdruck für sexuelle Besessenheit.] → „Das geheime Wissen der Frauen“ – ein Lexikon, Deutscher Taschenbuchverlag.

Permalink Hinterlasse einen Kommentar

Nächste Seite »