Silvester
Silvester ist ein Ungeheuer. Künstliche Fröhlichkeit, feuchtes Abgesabber, wildfremdes Umarmen, ohrenbetäubender Lärm. Zuviel davon. Als wäre Krieg. Und warum? Weil wir wieder ein Jahr geschafft haben, ohne uns gegenseitig abzumurksen? Weil die Erde immer noch nicht untergegangen ist, obwohl wir unser Bestes geben? Nimm gleich die ganze Welt. Weil jetzt Neues anbricht. Pack das Alte am Kragen, verflossene Tage, ein abgelaufenes Jahr, schleif es übers Parkett, poliert und gewienert, einen weiteren Schritt dem Tod entgegen. Verrinnende Zeit muss gefeiert werden. Tanzen wir also Arm in Arm uns die Eingeweide aus dem Körper, steppen wir morsche Knochen klappernd durch die nach Lüge stinkenden Nacht. Lallen wir aus tiefster Inbrunst. Heute Nacht. Jede Nacht.
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Ein Hauch Erinnerung
Rosen getrocknet. Um Erinnerung zu klammern. Fest. U-Bahntickets aus der Fremde ins Tagebuch geklebt, Konzertkarten, ein Haar. Wie Laubblätter zwischen die Seiten eines Buches gestampft. Staub den Moment ein. Entreiß ihn den Fängen der Zeit. Pack den Koffer. Positionier das Besteck. Keine Menschen in Sicht. Sie waren dennoch da. Nur du, du kamst zu spät, einen Bruchteil Zeit zu spät.
Das Geschehene nahm seinen Lauf, irgendeinen Lauf, einen Lauf im Kreis des Lebens, schau nicht in den Lauf. Es geschah wie Geschichte immer geschieht. Einfach so und ohne dich. Der Ort ist jetzt Stillstand. Die Tat war vor dir da. Die Flucht. Atmen kann man nicht greifen, ein letztes Röcheln nicht streicheln. Sie haben Spuren hinterlassen. Lies die Fährte. Folge ihr. Sie führt nirgendwohin. Sagen die Alten im Dorf.
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Nele

Ich warte, dass meine Freundin stirbt. Weil Warten mein Leben ist. Abgeschaltet werden. Warten, dass das eine Licht erlischt. Das Leben der Anderen. Worte bahnen sich ihren Weg ins Ohr, ins Hirn, ins Nirwana. Worte ohne Verstand. Allein der Glaube schüttelt mit dem Kopf. Nein. Organversagen, Intensivstation, die Lichter blinken unentzifferbare Zahlen, Geräte piepen regelmäßig im Rhythmus des Sterbens, aus deinem gelb gefärbten Körper, der nur vage an dich erinnert, du bist es dennoch, ich erkenne dich, laufen Schläuche kreuz und quer. Rote flüssige Masse erinnert an Unendlichkeit. Es ist Blut. Es fließt. Du lebst. Jemand muss alles entwirren. Die Hoffnung steht hinten in der Schlange und gähnt, die Schlange ist lang, sie ist giftig, reih dich ein. Ich sagte: NEIN. Hört mich ein Jemand? Schrei mein Herz. Frisst dich durch Blutbahnen, zersetzt Zellen, Knochen, Organe, Gedanken und Liebe. Wohin des Weges, Abart der Zerstörung? Ein dreiviertel Jahr Abgrund – es ist nicht wahr, es ist wahr, es ist nicht wahr. Die Würfel sind gefallen. Es ist wahr. Im Zwielicht erkennst du des Spukes Fratze nicht. Wir haben geflucht, schallend gelacht, dem Krebs in die Fresse. Geladen, geschossen, gekämpft und gelitten. Wir haben geschrieben, du, geliebte Gefährtin, mit dem Wort um die Wette geeifert. Deine Geschichte für immer in meine gewebt. Am Ende verloren. Rien ne va plus. Ist es das Ende? Der Himmel bricht auf. Und wenn du vom Schlachtfeld gehst, geh in Stolz und Würde, nichts weniger wäre dir gerecht. Lass sie gehen. Ich kann nicht. Und ein Stück von mir geht mit. Halte dir im Geiste die Hand. Nimm mich mit. Du lässt mich zurück. Stein für Stein bröckelt die Wut, rieselt der Kummer die Herzkammern entlang. Mein Herz steht still und ich atme dennoch weiter. Sei leise. Hör die Nacht im Winde flattern, launisch wie ein Kind. Hör auf, schreib, nie wieder schreiben, schreib. Für sie. Nele ist tot.
Am Ende der Welt X
Ja, einige können Natur zu Papier bringen. Würde ich auch gern können. Kann ich aber nicht. Obwohl ich gern durch Natur schreite. Wandere mein Herz. Sogar. Ich lass mir den digitalen Stecker ziehen und suche Plätze auf, an denen man nur unter fast unüberwindlichen Widrigkeiten ans Netz kommen kann. Am Ende der Welt. Nenn es Entzug. Ich suche also Natur, erhaben, fernab, menschenleer. Hoffe zu finden, was auch immer, zur Not auch mal mich. Und ahne den Misserfolg.
Das Grün des hügeligen Grünes könnte ich beschreiben, die azurblauen Wellen des verheißungsvollen Meeres. Von Zeit gewaschene Felsen, aal dich in Hitze, mittags in Sonne getränkt, der Wind richtet Brustwarzen auf, leichte Brise. Die Wolken spielen ein Stück, wehen Sorgen in mehreren Akten hinfort. Von wilden Blumen und roten Mohn könnte ich berichten, von glitzernden Steinen in feuriger Abendsonne und dem Klang des Wassers, wenn es sich im Ohr bricht. Denn all das sehe ich, höre ich. Auch. Beim Gehen. Und rieche den Duft von Salbei und Rosmarin. Es liegt in der Luft. Bereit. Den Rest des Beitrags lesen »
Am Ende der Welt IX

Am Ende der Welt gibt es Sushi an Frau. Zutaten für 4 - 6 verlorene Seelen: Man nehme eine schöne Frau, je nach Geschmack auch einen Mann. Körperbeherrschung sei kein Fremdwort. Man heize den Raum vor. Man bade und rasiere den Körper, pudere ihn leicht ein, das Gesicht maskiere man gleich einer Geisha. Gleichzeitig quelle man den Reis, schneide den Fisch, rolle das Sushi. Man tauche den Raum in meditative Atmosphäre. Der Körper liegt mittig im Raum aus, Kerzen entbrennen am Kopf, Algen bewuchern das Geschlecht. Sushi an Sushi den Körper entlang drapieren, dazwischen Salatblätter, Meerrettich. Man knie nieder, nehme sein Schälchen, nehme die Stäbchen. Man gehe in sich, man gehe außer sich. Es ist angerichtet am Ende der Welt.
Am Ende der Welt VIII

Am Ende der Welt sind die Engel Insekten. Die Maske fällt und dein Atem verschlägt dir die Sicht. Spiel mit, spiel für immer. Den Koffer lass stehen. Du brauchst ihn nicht mehr.
Am Ende der Welt VII

Bis das Ende der Welt dir das Herz zerfetzt. Die Nadel sticht durch, der Luftballon platzt. Wo warst du? Verstreut im Augenblick. Reste vom Schlaf durchdringen den Raum. In Streifen geschnitten, altrosa im Ton. Dieser Zug fährt vorbei. Fährt wie immer vorbei. Die Tränen nimm mit, adieu. Doch der Himmel bleibt blau. Am Ende der Welt tanzen nur noch die Maden. Im vermodernden Traum.
Am Ende der Welt VI

Am Ende der Welt fallen die Worte auseinander. Sie haben schwarze Stummel im Mund. Spalten Sonnenblumenkerne. Spucken die Schalen vor deine Füße. Lachen dich an. Lachen dich aus. Am Ende der Welt ist die Köchin morgens betrunken. Viel Schnaps und kein Frühstück. Den Karren zieht trotzdem das Pferd aus dem Dreck. Am Ende der Welt entspringt eine Quelle. Über alles wächst Gras.




