Nele

September 15, 2011 at 8:06 nachmittags (am ende der welt, worte)

Ich warte, dass meine Freundin stirbt. Weil Warten mein Leben ist. Abgeschaltet werden. Warten, dass das eine Licht erlischt. Das Leben der Anderen. Worte bahnen sich ihren Weg ins Ohr, ins Hirn, ins Nirwana. Worte ohne Verstand. Allein der Glaube schüttelt mit dem Kopf. Nein. Organversagen, Intensivstation, die Lichter blinken unentzifferbare Zahlen, Geräte piepen regelmäßig im Rhythmus des Sterbens, aus deinem gelb gefärbten Körper, der nur vage an dich erinnert, du bist es dennoch, ich erkenne dich, laufen Schläuche kreuz und quer. Rote flüssige Masse erinnert an Unendlichkeit. Es ist Blut. Es fließt. Du lebst. Jemand muss alles entwirren. Die Hoffnung steht hinten in der Schlange und gähnt, die Schlange ist lang, sie ist giftig, reih dich ein. Ich sagte: NEIN. Hört mich ein Jemand? Schrei mein Herz. Frisst dich durch Blutbahnen, zersetzt Zellen, Knochen, Organe, Gedanken und Liebe. Wohin des Weges, Abart der Zerstörung? Ein dreiviertel Jahr Abgrund – es ist nicht wahr, es ist wahr, es ist nicht wahr. Die Würfel sind gefallen. Es ist wahr. Im Zwielicht erkennst du des Spukes Fratze nicht. Wir haben geflucht, schallend gelacht, dem Krebs in die Fresse. Geladen, geschossen, gekämpft und gelitten. Wir haben geschrieben, du, geliebte Gefährtin, mit dem Wort um die Wette geeifert. Deine Geschichte für immer in meine gewebt. Am Ende verloren. Rien ne va plus. Ist es das Ende? Der Himmel bricht auf. Und wenn du vom Schlachtfeld gehst, geh in Stolz und Würde, nichts weniger wäre dir gerecht. Lass sie gehen. Ich kann nicht. Und ein Stück von mir geht mit. Halte dir im Geiste die Hand. Nimm mich mit. Du lässt mich zurück. Stein für Stein bröckelt die Wut, rieselt der Kummer die Herzkammern entlang. Mein Herz steht still und ich atme dennoch weiter. Sei leise. Hör die Nacht im Winde flattern, launisch wie ein Kind. Hör auf, schreib, nie wieder schreiben, schreib. Für sie. Nele ist tot.

 

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Worte aus’m Automaten

Juni 10, 2009 at 8:13 nachmittags (derive, worte) (, , , , , , )

Kaugummis, Kondome und Zigaretten haben längst ihre Lobby. Automaten wo man nur hinsieht. In der Innenstadt, in den Außenbezirken, auf dem Land, nichts außergewöhnliches, kennt man, schaut man nicht mehr hin. Außer man braucht es. Ganz dringend.

Was ist, wenn es einen aber nach Höherem strebt? Im Morgengrauen. Nach zarter Versuchung der geschriebenen Art, nach einem in Worte gehüllten Traum für die Liebste, für den Liebsten Fußballgedichte für das Spiel nach dem Spiel? Einfach nur nach Poesie? Was dann? Ganz einfach. Literatur-Automat, sagt man so salopp, ist doch klar. In jeder Kneipe sollte einer stehen, in jeder Strasse mindestens.

Und wenn dieser herbeigesehnte und endlich gefundene Automat für die verlangten zwei Euro nicht die gewünschte und versprochene Lektüre ausspuckt, wenn er dein Geld geringschätzt, diese Kiste aus Blech, sogar mit Verachtung herausspuckt, du versuchst es drei Mal, fünf Mal, du brauchst es, du brauchst die Linderung der Worte, das einzige Pflaster für deine Wunden. Bist du der Ware nicht wert? Der Wortkick, Silben schießen in deine Venen, breiten sich in deinem Kopf wohlig warm aus, reihen sich zusammen und lullen dich ein in den Klang des Versprechens. Wenn du es so sehr willst und es so gar nicht bekommst. Weil der Scheiss-Automat deine verdammten zwei Euro nicht annimmt. Ja dann. Dann hau ihn, knack ihn auf, Kung Fu, Bolzenstange, hol dir was du brauchst, egal wie.

literaturautomat vor dem cuba in münster, achtermannstrasse

literaturautomat vor dem cuba in münster, achtermannstrasse

In deiner Phantasie. Dieser Aufruf zur Gewalt ist literarischer Natur, versteht sich von selbst. Ein hausmeisterlicher Aufruf den lokalen Literaturautomaten bitte schön instand zu halten, immer brav zu füllen. So dass jeder in  literarischer Not, jeder in seiner persönlichen Sackgasse die Chance erhält, Bonmots in Hülle und Fülle und zu jeder Tageszeit ziehen zu können. Manchmal will man gar nicht mehr. Manchmal reicht das zum Glück.

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