Damals
Damals ist immer wann anders. Aber damals als die Mauer fiel, blieb die Zeit stehen. Der Atem stockte. Blieb die Zeit in unseren Herzen stehen. Als die Welt nach Atem rang, zerbarsten wir über Berlin in Millionen Fragmente. Und erfanden uns neu. Wer auch immer wir vorher waren, oder nicht waren, wir waren es danach nie wieder.
Während sich die Menschheit sammelt und die Geschichte sich langsam ordnet, fallen Teile Berlins in Trance. Damals in den 90ern. Wie von Geisterhand entfesselt stampft die Stadt ihren eigenen Rhythmus. Marode Häuserfassaden, jahrzehntelang verlassene Keller werden zur Bühne für eine unkontrollierbar wütende Energie. „Reiß alles nieder, steig aus der Asche empor“ heißt das Stück. Im Schutt schicksalhafter Geschichte geben sich Kunst, Trash und Techno ein Stelldichein. Mitten auf der Straße. Dichte mein Werk. Zusammengeschusterte Galerien und Clubs sprießen wie Unkraut aus dem wiedervereinigten Boden, halb legal, oft illegal. Kleb die Landkarte zusammen. Es gibt kein Morgen danach. Ist das Gefühl. Es gibt keine Regeln, lebe es aus, atme es ein, alles ist erlaubt. Den Rest des Beitrags lesen »
Take a walk on the other side

Nastya, a circus performer from Penza, in her dressing room. She used to be a gymnast, but as she got older, she started to work with the dogs. Circus in Avtovo, Saint-Petersburg, 2007

Julia, a 24-year-old patient of the mental hospital in Peterhof. Her parents abandoned her when she was born. She met them for the first time that very year, in 2005. Saint-Petersburg, 2005
Eine kleinwüchsige Frau sitzt in ihrer Garderobe und wartet auf den nächsten Auftritt im Liliputanerzirkus. Perfekt geschminkt, in Einsamkeit gehüllt. Der Transvestit raucht vor dem Eingang eines Clubs. Lasziver Blick, Qualm steigt aus dem Bild. Die Mädchenfrau ohne Zähne kettet ihre Puppe an den Baum. Die Freude ist groß. Und im Irrenhaus führen die als Affen verkleideten Patienten ein Stück auf. Allesamt Geschichten von Außenseitern, auf die selten dein Blick fällt. Orte am Ende der Welt, Orte am Rande des Bewußtseins; hier findet die Fotografin Alexandra Demenkova ihre Helden, hier drückt sie auf den Auslöser. Take a walk on the other side. Den Rest des Beitrags lesen »
Verwüstete Landschaften

Sophie Ristelhueber Every One # 14 (Jeder Einzelne) Silbergelatine-Abzug, Unikat 270 x 180 cm Victoria & Albert Museum, London © Sophie Ristelhueber / Pro Litteris, Zürich 2009
Früher hatte Sophie Ristelhueber Landschaften fotografiert. Vergewaltigte Landschaften. Der Mensch dringt gewalttätig in fremde Länder, in fremde Natur ein und hinterlässt geballte Verwüstung. Manche nennen es salopp Krieg.
In den 90ern machte mich das Buch „Fait“ auf die Fotografin aufmerksam. Bilder während und nach dem Golfkrieg aus der Luft geschossen. Verlassene Panzer im Wüstensand. Spuren des wirr durch die Gegend marschierenden Todes. Zum Teil ähneln die Aufnahmen den Zeichen im Kornfeld, bei deren Auftauchen immer die Frage gestellt wurde: „Sind die Außerirdischen unter uns?“ Bei Ristelhueber weiß man aber, dass diese Gestaltung der Natur nicht von kunstfertigen Außerirdischen vorgenommen wurde. Wir Menschen selbst sind unter uns und wüten einfach mal ein wenig rum. Den Rest des Beitrags lesen »
Ich schleich mich mal in die Vergangenheit – Kampftrinken Berlin ’89
Vor ein paar Abenden – ich twitter nichtssagend vor mir her – blinkt auf meinem Monitor die Frage eines alten guten Freundes auf. Hat Wolkenstein dir auch das Video zugepostet? Rolf S. Wolkenstein? Jahrhunderte her. Welches Video? Klick auf die URL im Tweet. You Tube. Emotionen obacht. Es geht auf einen Ritt an das Ende der Ruhe, schleich dich in die Vergangenheit. Kampftrinken vor 20 Jahren. War ich dabei?
Ich glaub, ich seh nicht richtig, Mittenwalderstrasse, Berlin 1989, die Blechkiste, das darf doch wohl nicht wahr sein, da ist ja Marc, da ist Wolfgang, oh ja, Tequila und um die Wette trinken, es dünkt mir, da war doch was. In Berlin vor gefühlten 250 Jahren.
Die Blechkiste war neben dem Ex’n’Pop in den Achtzigern so etwas wie Wohnzimmer. Ohne Wohn und ohne Zimmer aber reichlich Schnaps. Die Spuren zwischen Tag und Nacht und immerhin 20 Jahren sind verwischt. Habe ich bei diesem einem Wettkampftrinken 1989 mitgemacht? Ich weiß es nicht mehr so genau. Bitte, bitte nicht. Diesen Gedanken werde ich die gesamten 9 Minuten des Filmes denken. Da ist ja George, da ist Qrt, er feuert Marc an, da ist Matthias. Sie sitzen auf kleinstem Raum gequetscht, Körper an Körper. Ich lache. Lache das freudige Lachen der Wiedererkennung. Und ist das nicht … ?
Geschrei, die Akkustik aus groteskem Stimmenwirrwarr und klirrenden Gläsern, so langsam gehen digitales und im Hirn gespeichertes Bild aufeinander zu, ineinander über. Erinnerung formt Bilder oder umgekehrt, es spielt keine Rolle. Das Gefühl hinkt hinterher. Gib mir Futter. Alle fünf Minuten ein Tequila, wer nicht mittrinkt, fliegt raus. Welch kostbares Zeitdokument. Keines von der Sorte Trümmerfrauen in Berlin oder Bomben auf Dresden, eher wie Erinnerung schafft kollektive Sinnstiftung. Schaut mal, was wir damals anhatten, schaut mal, was wir gegessen haben.
Der Plot: Eine talentierte Berliner Szene – nicht alle sind an diesem denkwürdigen Abend vertreten – im Kampf ums Überleben. Ich oder die Gehirnzelle. Im Kampf gegen den Überdruss, abgehoben, unschuldig und unantastbar. Berstende Energie gilt radikal kanalisiert zu werden. In Musik, Text, Kunst und Film, der überschäumende Rest geht in Alkohol und Drogen unter. Heute auf dem Programm: Der sterbende Schwan.
Das Lachen bleibt im Halse stecken, die Toten von heute rennen quietschlebendig durchs Bild und feuern die Kämpfer an. Erstaunlich, wie viele Minuten es braucht, bis die schlechte Nachricht das Bewusstsein durchdringt. Qrt schon lange tot. Matthias seit zwei Jahren tot. Ein paar Tote später halt. Was machen die Leute da eigentlich? Kampftrinken von der schlimmsten Sorte. Von außen betrachtet. Das Außen gibt nichts Glamouröses her. Saufen, Runde für Runde, Kotzen, Runde für Runde, Schnapsleichen pflastern die Straße und die Dächer der parkenden Autos. Weiter geht’s. Und noch ein Tequila und noch einer fällt aus der Tür.
Der erste Krankenwagen kommt, der erste Krankenwagen fährt. Ansprechbar nach 24 Tequilas. Kaum. Frauen sind ohnehin nicht mehr im Rennen. 10 Tequillas später. Überleg mal. 34! Bilder zerfallender Körper, die Gehirnmasse schrumpft sichtbar und dramatisch. Was haben wir damals sonst noch so gemacht? Legitime Frage.
Wir haben die Nächte bis zum Lallen durchdiskutiert, emphatisch und schwanger mit Visionen, in irgendwelchen Hinterzimmern die Nasen gerümpft und gestarrt und gewartet. Ja, gewartet. Ein Warten zwischen den Jahreszeiten, zwischen den Ereignissen, zwischen den Welten. Da konnte man eben auch stundenlang wie die Hühner auf der Leiter sitzen und die Metallverkleidung der Wände in der Blechkiste anstarren, vielleicht auch mal flippern, auf jeden Fall trinken. Kampftrinken zwischendurch. Als dann die Mauer fiel, haben wir um unsere Enklave getrauert. Um was eigentlich genau? Übrigens grandiose Kamerafahrt. Der Schwenk von einem geschlagenen Kämpfer, der auf der Barre in den Krankenwagen gehievt wird, zu einem anderen frühzeitig Ausgeschiedenen, sein Körper auf dem Dach eines Wagens geparkt, der Geist im Säuferparadies.
Tequila Nr. 39. Zwei kämpfen noch, der Kampf ist zu Ende, einer hat gewonnen, er trinkt unter Jubel den 40ten, der andere streckt die Pfoten von sich, haut den Kopf in die Spüle, in das Wasser. Hol den Kopf da raus, du Idiot! Das Interview des Siegers ist Höhepunkt des Abends am Morgen danach. Ein literarischer Höchstgenuss. Und dann wird er von dannen getragen, der Zweitplazierte, da ist Qrt und da ist – oh unsagbare Freude – da bin ich, ich von hinten. Ich schleppe Marc ins Auto, ich gehe aufrecht. Das und nur das ist die gute Nachricht.
Der Film ist trotzdem Kult, keine Frage, die eingeblendeten schwarz-weiss Fotografien genial, Begriffe wie legendär sollen gefallen sein. Öfters sehen hilft im Übrigen erste Schockmomente zu überwinden, vom Lächeln zum Gröhlen ist es nicht mehr weit. Mir persönlich hat der Film eine Klatsche aus der Vergangenheit verpasst. Keine Valuev-Klatsche, eher so eine der transzendentalen Art „Du bist ein Teil von dem, was du warst“ und wie immer in solchen Augenblicken krame ich die Piaf hervor. Non, je ne regrette rien. Sollte allerdings mein Sohn jemals fragen, ob ich 1989 beim legendären Kampftrinken dabei war, sorry, die Antwort wird lauten: Ich war im Kloster, nicht geboren oder auf dem Mond.
Kampftrinken (Drinking Battle) Berlin 1989
Video-Dokument von Rolf S. Wolkenstein und Wolfgang Hogekamp (1989/2007/2009), Fotos von Peter Gruchot

