Jede Woche gehe ich klettern. Mitten in die westfälische Pampa, 15 km von Münster entfernt. Dort steht die Kletterhalle meines Vertrauens, dort wird im Angesicht des Schweißes alles gegeben. Die Muskeln gespannt, die Konzentration auf den nächsten Griff fokussiert.

Wie auch immer, heute geht’s wieder los, ich freue mich, da kommt der Anruf. Werde nicht mit dem Auto abgeholt, ich muss die 15 km mit dem Zug zurücklegen. Kein Problem. Im Gegenteil, Bahnhof mag ich, Bahnhof versprüht Flair, es riecht nach großer Welt, die Gedanken reisen, der Körper hinterher. Also Rucksack auf den Rücken geworfen, iPod auf die Ohren und stampf los Richtung Bahnhof. Bin in der Welt bereits groß rumgekommen. Hole mir ganz weltweibisch die Fahrkarte am Automaten, kein Thema. Checke Abfahrtszeit und Gleis, habe noch Zeit, kaufe monopol, das Kunstmagazin. 15 km, da ist Lektüre vonnöten. Will nicht in die Gesichter der Leute schauen, genervt von der Arbeit Richtung heimwärts tuckernd. Will nicht ihre Gedanken lesen. Steig in den Zug.

Setze mich elegant hin, kreuze die Beine ganz ladyhaft. Was geht diesen Monat so in Kunst? Die Zeit verrinnt, ich habe Zeit, Zeit in Bildung und Kunst zu investieren, 11 Minuten um genau zu sein. Das Schihuhu setzt ein, das Knattern der Gleise, der Zug fährt. George Condo, sein Stil gefällt mir, der Francis Bacon mit einem Augenzwinkern. Es kommt mir lang vor, das Lesen, wie 20 Minuten – kann ich mich denn gar nicht mehr konzentrieren? Seit das Kind da ist, werden diese Spannen immer kürzer. Schau auf mein Handy. 19 Minuten später. Warum fährt der Zug so schnell, warum macht er keine Anstalten anzuhalten und geht die Uhr überhaut richtig? Zwei Reihen weiter lümmeln sich in den Sitzen Freaks, die sehen wie Klettercracks aus. Ähm, wollt Ihr auch nach Bösensell? Klettern? Nee. Du bist im falschen Zug. Dieser fährt nach Havixbeck. Toll. Liegt das auf der Strecke? Nein. Wie komm ich von hier zur Kletterhalle? Gar nicht, Du musst zurück. Zurück nach Münster.

Schön, dass der Schaffner sich gerade auf mich zubewegt. Ich stammel los, wieso, weshalb, warum. Mitleidig erklärt er mir irgendwas, während ich an den verlorenen Abend denke, keine Begehung der neuen Route, kein Vorstieg, kein Muskeltraining, keine Sauna. Er sagt noch irgendwas von Schwarzfahren und 40 Euro, aber ich sehe offensichtlich belämmert aus, denn er wiederholt es nicht, bittet einen Mitreisenden mir in Havixbeck die Bushalte zu zeigen, von wo aus ich zurück kann. Zurück nach Münster. Kletterabend adé.

Man schubst mich Richtung Bushalte, er kommt ja gleich, der Bus, ich Handy am Ohr, muss meinen Kletterpartner informieren, soll nicht auf mich warten in der Halle. Einer von den Anschubsern ist besonders beharrlich, will partout verhindern, dass ich ein neues Busticket löse. Schiebt mich durch die Bustür am Busfahrer vorbei, ich halte mein abgelaufenes Ticket in der Hand, er schiebt mich zum Sitz. Setzen. So das hätten wir geschafft. Was denn? Er würde die nächste Haltestelle eh aussteigen, ich könnte sein Tagesticket weiter benutzen und das sogar bis halb vier Uhr morgens. Dann lacht er laut, er hat eine Fahne, wer weiss, wie lange ich noch bräuchte bis zuhause. Haha! Es ist 19.30. Danke. Vielen Dank und tschüss. Verschwörerisch blickt er mir tief in die Augen. Will er noch was hören? Alles Gute, presse ich noch raus und der Bus hält an. Er raus. Atmen. Auf.

Kann es eh nicht ändern, entspann dich, will mir gerade Musik auf die Ohren hauen, da hält der Bus schon wieder an. Mal wieder und immer noch in Havixbeck. Eine Freundin von mir wohnt hier auf Haus Stapel, dem Wasser-Schlösschen, wo die Zeit immer stehen bleibt, wo man immer in verwunschene Sphären tauchen kann. Das wäre mal wieder schön. Soll ich durchrufen? Krame mein Handy hervor, da steigt ein Ehepaar ein und geht schnurstracks auf den Mann vor mir zu. Hallo, lange nicht gesehen! Auch auf dem Weg zu Dr. Ring Ding? Dr. Ring Ding? Hab ich die nicht vor zwei Jahren auf der Fusion gesehen? Urgesteine aus Münster und nein, sie haben mich nicht umgehauen. Das Gesprächsintro lässt mich aufhorchen. Die Zugestiegenen artikulieren sich ohne ähs und ähms und kohärent. Das alleine reicht den Bann der Faszination auszulösen. Der 16jährige Sohn sei auf Malysia, lerne dort vier Sprachen, Dschungel, Affen, Heiratsanträge, die Geschichte gefällt mir, er hat seiner Freundin in Deutschland ewige Liebe versprochen, bis in einem Jahr.

Der Bus hält an. Ein Monster mit grünem Gesicht und rot umrandeten Augen steigt ein, zwei gröhlende Typen in Lederjacken hinterher. Sie riechen nach Aschenbecher. Es ist Karneval und wir sind in Havixbeck. Es geht nach Münster, in den Dschungel der Kleinstadt. Helau und Frauen und das gesamte Versprechen der Nacht warten auf uns. Der Typ vor mir erzählt, seine Kinder verkleiden sich als Pippi Langstrumpf und Pirat. Unglücklicherweise tun dies die meisten Nachbarskinder. Er weiß über die nötigen Körperabstände in der Welt zu berichten. Wie viel im Norden, wie viel im Süden. In Schweden ist ein Meter Körperabstand mindestens vonnöten, je südlicher, desto mehr rückt man zusammen. Das Band zwischen Mutter und Sohn, da horche ich wieder auf, wir sind aus Havixbeck raus, Schloss adé.

Es folgen Details über die einzelnen Internate. 1.200 Euro im Monat für das billigste, wer kann sich das leisten? Schulsystem hin oder her, Elite kann nur von Elite ausgebildet werden. Ich bin kurz davor, die Unterhaltung zu besenfen. Habe ja schließlich Julia Friedrichs gelesen. Gestatten: Elite. Es ist wie Twitter. Die Gesprächsfetzen verrauchen im Nichts. Und die Julia, eine andere Julia, hat sie nicht geheiratet…

Wir sind jetzt schon in Münster. Wieder am Bahnhof, wo dunkele, geduckte Gestalten durch die Nacht huschen. Die Gestrandeten – irgendwie sind es mehr als vor einigen Stunden und mehr als vor einigen Jahren – suchen im Neonlicht Zuflucht vor ihrem Leid. Ausgespuckt und vergessen. Versprechen von weiter Welt adé, betrogen, mit Illusionen gelockt und jetzt hängt man hier. Am Bahnhof wie an der Nadel, man kommt nicht los, alles klebt. Ich trotte nachhause.

Denke noch, ob der fremde Sohn wiederkommt nach einem Jahr Malysia? Wird seine hiesige Freundin ihm treu bleiben? Und wird er sich weiterhin von malysischen Jungfrauen anfassen lassen, weil er so groß und blond ist und ein breites Kreuz hat? Welche Sprache wird er zuerst lernen von den vieren? Und die chinesischen Gasteltern. Wieso eigentlich chinesisch? Das muss ich erst mal eruieren.
Nächste Woche steige ich in einen anderen Zug. Vielleicht finde ich auch dort eine Antwort.