An der Bushalte sehe ich sie das erste Mal. Warte auf den Bus. Die Beine entblößt, leicht gespreizt. Der nackte Körper von opulentem Fell umschlungen. Das Wildkatzengesicht in Prachtmähne gebettet. „Die Frau ist schön“ ist gar kein Ausdruck. Sie hat Klasse. Charlotte hat Stil, ihr gleißender Blick durchdringt jeden. Jeden, der sie anschaut.

Ihre schwarzumrandeten Augen funkeln durch das Glas direkt in mein Herz. Déja vu. Charlotte Rampling, die Schöne von früher, sie kommt aus der Vergangenheit in ihrer wie immer distinguierten Erotik daher. Und hängt in der Gegenwart an der Bushalte in schwarz-weiss herum. Als Meisterwerk vom Meister persönlich. Helmut Newton. Welch Spektakel. Foto-Ausstellung in Münster. Irgendetwas stört.

helmut-newton41Charlotte an der Kreuzschanze, am städtischen Schwulenhügel. Dort wo sich die Herren zum nächtlichen Tête-à-tête einfinden. Dort, wo die benutzten Kondome bei Tageslicht vom wilden, zügellosen Treiben zeugen. Daneben der Spielplatz. Und jetzt auch noch Charlotte.

Irgendetwas stört. Ihre Beine sind sehr dünn, Hühnerbeine fallen mir da ein, aber das ist es nicht. Helmut Newton, klar, muss man sehen. Ein großartiger Fotograf. Chapeau! Die gestellte Erotik, Körper wie Monumente, nacktes glänzendes Fleisch, High Heels, Glamour, Brüste, Versprechen & Kokain-Ästhetik. Nein, das alles stört mich nicht. Im Gegenteil. Wünschte mir ein wenig mehr davon in meinem Leben.

Charlotte wacht nun an fast jeder Bushaltestelle über das erzkatholische Münster. Eine Stadt, in der es kein Fleckchen Erde zu geben scheint, von der kein Kirchturm zu sehen wäre. Geschweige denn zu hören. Die Kirche scheint dieses Plakat in der Stadt der Kirchen ohne Kommentar zu schlucken. Respekt.

Auch stört mich nicht das provokant sexistisch Inszenierte. Das ist Helmut Newton. Es ist offensichtlich. Und es ist Kunst. Ich hatte noch letztens ein fettes Fotoband von ihm zuhause. Beindruckend. Ich musste es für eine gute Bekannte verstecken, weil ihr kanadischer Freund, der einmal im Jahr zu Besuch in Deutschland ist, sowohl Newtons wie auch Peter Lindberghs Werke für Pornografie hält. Du bist bestimmt lesbisch. Das wollte sie sich nicht mehr anhören, also landeten die Bücher für die Dauer seines Besuches bei mir. Kanadier. Amerikaner sollen schlimmer sein. Eine entblößte Brust und sei es die einer stillenden Mutter kann zum Eklat führen. Nipplegate.

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Das Bushaltenfoto stört mich also nicht aus feministischer Sicht. Ignorantes, verzogenes Alpha-Mädchen. Emanze von Geburt an. Nimmt sich, was sie braucht und traut dies auch anderen Frauen zu, sorry, Alice Schwarzer. Auch dich verehre ich für was du getan hast, danke für die Wegbereitung, equal pay müssen wir noch durchsetzen, aber hier ist es Charlotte, die Königin, von der wir sprechen. Stilisierte Erotik.

Aber was stört denn nun meinen ach so zarten Blick? Es ist noch nicht mal der Pelz. Doch. Es ist der Pelz. Kunstpelz schließe ich aus. Es ist dieser verdammte Pelz. Mit meiner Charlotte drin. Ich glaube sie wussten es nicht besser, damals. Plakative Kunst, ja. Gute Fotografie. Tolles Licht.  Keine Frage. Aber. Warum nehmen die Werbefuzzis genau dieses Bild? Warum nehmen sie nicht Naomi Campbell oder Monica Bellucci oder sonst eine Nackte aus den 100 ausgestellten Fotografien. Es heißt ja auch BIG NUDES. Und Charlotte ist zwar nackt, aber nur unter dem Pelz. Ganz nackt wäre wahrscheinlich nicht gegangen. An der Bushalte. Mit Schambehaarung und Brüsten und so. Aber Pelz geht noch weniger. Heute doch gar nicht. Das ist doch widerlich. Interessant wie sich Bewusstsein im Laufe der Zeit wandelt. Ja, d’accord, das Foto ist ein Kunstwerk, ausgeklammert und somit frei von gesellschaftlichen Zwängen, frei von Bezügen zu irgendetwas und wie ich bereits erwähnte, ich knie vor Charlotte, aber dieser Pelz, so langsam verlassen mich die Worte. Helmut Newton kann nichts dafür. Oder doch? Und Charlotte? Hätte sie sich nicht weigern sollen? Hätten sie nicht ihrer Zeit voraus sein sollen? Vielleicht rege ich mich künstlich auf. In meiner Oberflächlichkeit. Vielleicht gehe ich hin, vielleicht aber auch nicht. Ins Picasso-Museum. Dahin, wo die Ausstellung noch bis Ende April läuft.

Tatsache, wir haben vor Ort zwischen den vielen Kirchen und nur einen Katzensprung vom Dom entfernt ein Picasso Museum. Die Stadt ist stolz, und wahrscheinlich, nein, mit Sicherheit, wird es gar nicht auffallen, wenn ich nicht komme. Bye bye Charlotte. Hallo Bus.