„ALLOHOL“ wie Kapielski sagen würde. Alkohol scheint ein dominantes Thema in meinem Leben zu sein. Nun wurde ich unlängst von einer Rotweinallergie zur totalen Abstinenz gezwungen. Denn Bier mag ich nicht und Weißwein geht überall hin, nur nicht ins Blut, erzeugt keine Melancholie, kein Feuer, keine Leidenschaft. Weißwein ist ein kalter, lebloser Fisch. Sekt hat zuviel Säure und verklebt das Hirn. Schnaps wiederum lässt mich auf Tischen tanzen, ich bekomme nie genug davon. Das ist dann immer lustig, vor allem für die anderen. Die Pflege des Katers am Tag danach, nein, will ich nicht mehr, lange nicht mehr so oft, danke. Also kein ALLOHOL für mich heute.

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Ein Trinker. Eine Flasche. Ein Kater.

Ganz kann ich dem Laster nicht entsagen und krame aus dem Regal das verstaubte Handbuch für den modernen Trinker hervor. Die feine Art des Saufens. Stelle mich gemeinsam mit dem Autor Frank Kelly Rich – nüchtern wohlgemerkt – der immer bei Komasaufen lautstark Abstinenz fordernden Gesellschaft entgegen und schleudere mit ein paar der 77 Säuferregeln und 33 Benimmregeln für Betrunkene um mich. Keiner sieht’s. Hilft trotzdem.

Trinken ist keine Schande. Solange man dies mit vollem Körpereinsatz und unter Lebensgefahr tut. Statt elendig in der Gosse oder womöglich bei den Anonymen Alkoholikern zu landen, sollten wir alle gemeinsam am positiven Mythos des Säufers flechten. Uns in Diplomarbeiten ergießen. Wofür begibt man sich denn sonst auf die Strasse des Exzesses? Bricht den Widerstand der stolzesten Flaschen. Nicht brachial im Stile des halbstarken, komatösen Gruppensaufens, eher wie der einsame Konsul aus Malcom Lowrys „Unter dem Vulkan“. Die Szene, in der dem Konsul der Bürgersteig schicksalhaft entgegenkommt. Rieche förmlich den Staub der Strasse unter mexikanischer Sonne, die sich gleich mit dem nach Mezcal stinkenden Atem des Konsuls vereinen wird. Oder wie Bukowski. Mit Stil und Sprache. Wieviele Bücher wären nie geschrieben worden ohne das Kulturgut Alkohol? Nicht vorzustellen. Alkohol bringt innere Landschaften zum Blühen. Damit muss man umgehen können. Verdammt, ich will ein Glas Wein. Wie soll ich stilvoll ins Zentrum der Besinnungslosigkeit vordringen, wenn ich nicht trinke?

Regel 49 besagt: „Mit jedem Drink wächst die Wahrscheinlichkeit in eine Schlägerei zu geraten um fünf Prozent. Und die Wahrscheinlichkeit zu verlieren um drei Prozent.“ Das ist höhere Wissenschaft. Definitiv hilfreich. Genauso wie Regel 22: “Schauen Sie nach dem sechsten Drink nicht in den Spiegel, es würde Ihr Selbstbewusstsein erschüttern.“ Gut zu wissen. Aber vor allem: „Lernen Sie Ihre Kater schätzen. Wenn danach alles eitel Sonnenschein wäre, könnte jedes Weichei saufen.“ Sich daneben zu benehmen ist kein Problem, das Entscheidende ist, gut dabei auszusehen.

„Die feine Art des Saufens“ hilft, wenn man auf der Suche ist. Nach dem nächsten Spätkauf. Nach sich selbst, nach Erleuchtung, nach der Leichtigkeit des Seins oder auch nur nach einer Tresenbekanntschaft. Nur die Kraft des positiven Trinkens kann die Flamme alkoholisierter Erleuchtung entfachen und somit ins Nirvana führen. Sagt der Autor.

Einige könnten nach dieser Lektüre in jeder Flasche Alkohol ein angeschossenes Reh sehen, das in der Nacht einsam verblutet. Das einzig Anständige wäre demnach, die Sache zu Ende zu bringen, es zu töten, es eben alle zu machen; das blutende Reh, die einsame Flasche. Zum Wohlsein sodann. Mit einem Wässerchen.