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Eine Dorfkneipe ist eine Dorfkneipe in Ungarn, ist eine Dorfkneipe im Nirgendwo, hat keine Regeln. Zumindest keine offensichtlichen. Keine festen Öffnungszeiten, keine Parameter, die einem als Außenstehenden zur Orientierung dienen könnten. In sieben Tagen blieb mir der Eintritt durch diese Tür verwehrt. Die Dorfkneipe ist eine Attrappe. Habe ich gedacht. Bis ich eines Tages kurz vor Mittag die Tür sich öffnen sah.

Die Sonne knallt auf heißen Asphalt, leichter Wind wirbelt Staub auf, kein Geräusch weit und breit, nur das Summen ein paar verwirrter Fliegen. Cowboys, Westernstiefel, Cowboyhut, ein Saloon & ein paar Rinder fehlen. Aber wir sind nicht in Texas, sondern in Ungarn auf dem Dorf, da gibt es keine Cowboys. Die Tür geht auf, ein nicht aufrecht Stehender wackelt ins Tageslicht, viel zu grell, er hält sich die Hand vor die Augen. Also doch. Die Kneipe existiert, der Mythos lebt. Mit Kind auf dem Arm – es ist kurz vor Mittag – stoße ich die Tür zum Dunkel auf, trete ein in den nach abgestanden Alkohol stinkenden Mief.

Wann soll ich es denn sonst machen, wenn nicht jetzt? Das Kind muss da durch. Die Augen brauchen eine Weile, alles verstummt, Gesprächsfetzen verhallen. Eine Theke, ein paar Tische, ein paar Stühle, keine Musik. Und Männer. Sie schauen mich alle an. Ich muss was sagen. Ähm, haben Sie Kaffee? Zum Glück ist der alte Nachbar da, wohnt mit seiner geschiedenen Frau zwei Häuser die Strasse weiter. Er ist mein Anker. Pista Bácsi, szia, hello. Pista Bácsi schaut verschämt zur Seite. Er steckt genauso in der Zwickmühle. Dank mir. Er ist herzkrank und trinkt. Und sind das nicht Würfel in seiner alten, von Sonne gegerbten Hand? Auf der Theke mehrere tausend Forints. Kein Thema, ich verrat ihn nicht, kann es ihm wegen der Ehre aber nicht sagen. Alles Ehre in Ungarn.

Bin die einzige Frau hier. Und auch noch mit Kind. Hier stehe ich im kalten Aschenbecher. Einen aus der Tüte hätte ich wohl. Was? Löslichen Capuccino. Ja, bitte, super, danke. Es gibt nichts, was ich mehr hasse als löslichen Capuccino. Ich hätte am liebsten einen doppelten Pálinka. Was mache ich hier? Warum immer diese Neugier? Die Männer schauen aus den Augenwinkeln. Was glaube ich hier zu finden? Die Wahrheit? Gott oder Gold? Sie wissen wer ich bin. So viele Fremde gibt es nicht im Dorf. Und ich habe Zähne. Immerhin Zähne. Was sie von sich und ihren schwarzen Stumpfen nicht behaupten können. Die offensichtliche Armut eines Staates am Rande des Bankrotts. Zieht sich durch das ganze Dorf, durch das ganze Land. Die Armut zeigt Gesicht. Ich halte mein Mund geschlossen. Sag was. Locker die Situation auf. Mir fällt nichts ein. Bewegungslos in Starre verfallen.

Die könnten mir jetzt den Kopf abhacken, ich würde bis zum Ende ungläubig zusehen. Zombiefilme schießen durch meinen Kopf. Der Tag der lebenden Toten. Fängt es nicht immer in einer Dorfkneipe an? In Zeitlupe. Es gab auch mal eine Startrek Voyager Episode, wo Captain Janeway im Q Kontinuum war. Da wo die Unsterblichen für immer abhängen, an der verlassenen Tankstelle in der Wüste. Eine Vogelscheuche in Uniform. Dieses immerwährende staubige Gefühl kriecht mir den Nacken hoch. Ich werde für immer in dieser Kneipe am Ende der Welt angewurzelt stehen bleiben, so wie die Männer hier. Sie trinken und trinken, gehen nicht mehr zu ihren Frauen, nicht mehr zu ihren Kindern, sie bleiben am Stuhl kleben und verspielen ihre Atemzüge.

Mama, ich hab Hunger. Noch nie, noch nie habe ich diese Worte mit mehr Freude entgegengenommen. Na klar mein Schatz. Wir gehen, tschuldigung, kann den Kaffee nicht trinken, hier ist das Trinkgeld. Wie ein Wasserfall erkläre ich jetzt Gott und die Welt, alles ist mit allem verbunden. Blabla und auch das Wetter, frohe Ostern, während ich einen Schritt nach dem anderen Richtung Ausgang gehe und ins gleißende Licht trete, halleluja, die Blicke verfolgen mich, wir leben, ich lebe. Schnell atmen, schnell weg, aufatmen.