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Auch der faulste Junge der Welt, Tommy DoLittle, erlebt Seltsames. John A. Rowe, Neugebauer Verlag

Märchen sind was für Kinder. Sagt wer? Märchen können grausam sein. Weiß jeder. Märchen entführen, Märchen berauben, rauben die Unschuld, schlagen den Kopf ab.

Bunt, schrill, grausam; Kinderbücher sind en vogue. Jeder, der was auf sich hält schreibt Kinderbücher. Von Cornelia Funke über Madonna bis Doris Dörrie entladen sie alle ihre Phantasien über Kinderköpfen. Bobby, der Zirkushund, kann nicht mehr viel punkten, Rotkäppchen und ihre Freundinnen sind auch nicht mehr angesagt. Nach klassischen, alten und brachialen Märchen kräht heute kein Hahn. Das Märchen von Hänsel und Gretel, die aus Geldmangel von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, passt zwar in unsere Zeit, schillert aber nicht wie der Regenbogenfisch. Und überhaupt: Armut verkauft sich nicht.

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Wer was auf sich hält, sucht Contemporary Art in Kinderbüchern. Die Geschichte soll rocken, sie soll in expressionistischen und surrealistischen Bildern eingebettet sein. Sie soll mit auf die Reise nehmen. Alice im Wunderland soll dagegen verblassen, schreib die Story am besten auf LSD oder mach ein Comic, schneid Löcher in das Buch, hol dir die besten Illustratoren, präsentiere das Werk in Hochglanz, lass es sprechen, nimm ein Megaphon, alles, nur nicht normal.

Zugegebenermaßen: Auch ich bin von der für mich neuen Kinderbuchgeneration beeindruckt. Dem Kind ist das egal. Es nimmt an Geschichten, was kommt. Ich hingegen suche die speziellen, die absonderlichen. Die Kinderabteilung der Stadtbücherei ist mein zweites Zuhause. Finde jedes Mal einen Schatz. So wie das Märchen von dem Schäfer Raul.

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„Der Schäfer Raul“ von Eva Muggenthaler, Peter Hammer Verlag

Wenn Raul ein Burnout hat und meint ein Schaf zu sein, dann begibt sich Raul in die Großstadt, nimmt sich eine Wohnung, zieht sich schick an. Die Schafe hinterher. Raul geht in die Kneipe, lernt eine Frau kennen, landet mit ihr auf dem Sofa. Die Schafe schauen zu, die Schafe werden verhaftet. Eine hahnebüchene Geschichte. Eine Geschichte für Kinder. Oder doch für Erwachsene? Ist die Frage. Stutze ein wenig, die außergewöhnlichen Illustrationen von Eva Muggenthaler helfen aber schnell über diese Hürde hinweg. Einschlafhilfe ist die Geschichte allemal.

Wenn Muggenthaler die Balkone von Hochhäusern in verzerrter Perspektive malt, alles ins Dunkel taucht, dann spürt man die Einsamkeit der Großstadt gänsehautartig, diese einlullende Wärme ausstrahlende Anonymität. Wo manche verloren, fühlen sich andere geborgen. Während man sich in den Bildern verfranst, zählt das Kind die Schafe. Das Kind will lieber Piraten, ein wenig „Peppo und Peppino“, aber schon führe ich es auf schlecht beleuchteten Pfade hinunter in die Märchenwelt.

Auch im nächsten Buch, in „Paula’s Reisen“, führt Eva Muggenthaler illustratorische Regie. Auch hier sind nicht minder grandiose Zeichnungen zu finden.

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„Paulas Reisen“ von Paul Maar und Eva Muggenthaler, Tulipan Verlag

Paula reist in das Land der Kreise, alles ist rund, nur Paula nicht. Die Kugelpolizei ist hinter ihr her. Sie soll der Gegend angepasst werden. Auf der Flucht bereist Paula das Land der Ecken, das Land der roten Farbe bis hin zum Land Kopfunter. Überall fällt sie auf. Paula ist anders und schon wird sie der Gegend angepasst. Paula entflieht in das Land der Daunen, wo sie sein darf, wie sie will, wie sie ist. Nach dieser Geschichte lieben wir uns alle kreuz und quer, ob bunt, kariert, ob gross, ob klein, mit ganz viel Herz und mindestens so viel Moral. Ist nicht verkehrt.

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„Die Menschenfresserin“ von Valérie Dayre, illustriert von Wolf Erbruch, Peter Hammer Verlag

 

Aber da habe ich schon ein anderes, ein ganz interessant aussehendes Buch in der Hand. „Die Menschenfresserin“. Die Menschenfresserin? Das Cover allein ist schon Lowbrow Art in Vollendung. Schlag das Buch auf, Bilder schlagen zurück. Übergroße Köpfe an sich windenden Körpern in collagenartigen Landschaften. Da ist diese Frau, groß und fett. Es dürstet sie nach einem Kind. Sie will es fressen, sucht und sucht. Findet irgendwann das perfekte Opfer für ihr Vorhaben. Der Affe tanzt und brüllt. Nachdem sie das Kind verspeist hat, merkt sie, es war  ihre leibliche und über alles geliebte Brut. Schluck gierig hinunter. Mahlzeit. Ab sechs.

menenfresserin5Und die Moral dieser Geschicht’, bleibt irgendwo hinterm Licht. Kind, ich hab dich zum Fressen gern. Verspeis das Balg. Schluck runter, verdau. Leide bis ans Ende aller Zeiten. Immer Vorsicht liebes Kind, Mutti frisst dich auf. Aus Liebe, trotz Liebe. Auch hier ziehen die Bilder in ihren Bann. Verhext und verloren.

Manchmal sind die Struwelpetergeschichten doch ganz niedlich. In Relation gesehen gar nicht mehr so grausam. Der Suppenkaspar isst seine Suppe nicht. Na und, verhungert er eben. Konrad lutscht am Daumen. Kein Problem, wird abgeschnitten. Wackel nicht auf dem Stuhl. Kuck nicht in die Luft. Manieren, wohlgemerkt.

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Killer Clown: The John Wayne Gacy Murders by Terri Sullivan

Zur Menschenfresserin fällt mir Gacy ein. John Wayne Gacy, der mordende Killerclown. Verkleidet und geschminkt gab er den Clown auf Kindergeburtstagen. Vertrauen erschlichen, Körper ermordet. Kinder in Serie. Als Serienmörder fand er auch in den Knast, dort lebte er seine künstlerische Ader aus und malte putzige Clownbilder. Auch Gacy war fett und auch er hat sich Kinder einverleibt. Erst umgebracht, dann lecker gegessen. In echt. Aus dem Knast hat er Briefe an die Eltern geschickt, wollte diese trösten. Hat ihnen en Detail geschildert, wie gut zubereitet und wie schmackhaft die Nachkommen gemundet haben. Seid nicht traurig liebe Eltern, euer Sohn war schmeckt wie Kaninchenfleisch, passt prima zu Süßkartoffeln. Ein Schluck Wein zum runterspülen. Perfekt.

Die schrecklichsten Märchen schreibt dann doch das Leben selbst. Weil Märchen wahr sind.