Historienschinken ist wohl ein graffittiGenre und keine Wurst. Komplexe Zusammenhänge werden oft auf das Schema „Frau trifft Mann“ reduziert und in Zelluloid-Sülze verwandelt. Der Rest sind Gefühle, ist Staffage. Jüngst kam „Die Gräfin“ in die Kinos. Jetzt folgt „Bathory“. Zwei Filme über die ungarische blutrünstige Gräfin Erzsébet Báthory, die im 16. Jahrhundert über 600 Jungfrauen ermordet haben soll, um in deren Schönheit verheißendem Blut zu baden.

Es gibt Gerüchte, die besagen, Bram Stoker hätte für Dracula nicht den pfählenden transsylvanischen Fürsten Vlad Tepes als Vorbild gehabt, sondern eben genau diese 1560 geborene ungarische Gräfin mit schwierigem Charakter. Wohlgemerkt. Abenteuerliche Legenden ranken sich um die Gräfin, als Blutgräfin mit dem eisernen Willen zum Jungsein fand sie Eingang in die Phantasien vieler. Herrschende Domina, grausame Sadistin, verführende Lesbe, Kannibalin, Satanistin, kein Klischee bleibt trocken, wenn es um die Báthory geht. Der weibliche Gilles de Rais. Neben all den Geschichten – wahr und ausgedacht – kommen jetzt die Filme. Báthory hat Konjunktur.

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Da gibt es kein Entkommen, die Filme muss ich sehen. Denn die Gräfin und ich sind verbunden. Nicht irgendwie, sondern durch ihren Familienwappen. Auf der Schulter tätowiert trage ich es mit ins Grab, ein Geheimnis, die Tätowierung. Hat mir eine Freundin gestochen im letzten Jahrhundert. Ist schon verblasst, verzerrt, die Tinte verwaschen, aber da, auf dem Rücken, noch da. Wenn ich nach Beweggründen gefragt werde, erzähle ich jedes Mal eine andere Geschichte. Sie sind alle wahr und gleichzeitig ausgedacht. Ich weiß es nicht mehr genau. Es war mal sehr wichtig. Der Drache, der sich um die drei spitzen Zähne windet. Ihr Familienemblem, die Tätowierung auf meiner Schulter.

Welche junge Frau jongliert nicht mit Ambivalenz und Verführung, der aufkommenden Femme Fatale, wenn die pubertäre Femme Fragile überwunden ist? Erotik und Feminismus gehen Hand in Hand in deiner Phantasie spazieren. Bild an Bild. Klischee an Klischee. Schon Paloma Picasso  hat 1973  in „Unmoralische Geschichten“ als Gräfin Báthory nach Jungfrauen gedürstet. In 70er Jahre Ästhetik. Mit Tonnen von wuchernder Schambehaarung und der Wanne voll Blut.

Zu den immer noch in den Köpfen verankerten Blutbadtheorien der Báthory gibt es allerdings keinen ernsthaften historischen Verweis. Sie wurde zwar ominöser Verbrechen angeklagt, in den Prozessakten ist jedoch keine Blutspur zu finden. War Erzsébet einfach nur eine schöne, kluge und dominante Frau? Zu emanzipiert für ihr dunkles Jahrhundert? Oder doch die Heroine des Grauens, wie der Schriftsteller Michael Farin sie tituliert? Steckten wirtschaftliche Interessen hinter ihrer Anklage? War es ein abgekatertes Spiel, um sie als einflussreiche Person gesellschaftlich zu ruinieren? Das 17. Jahrhundert war kein Zuckerschlecken. Nicht unüblich Folter als Instrument der Wahrheitsfindung einzusetzen. Bis einer sagt, was man hören will. Aber wer wollte was und wieso hören? Nach dem Tod ihres grausamen Gatten, dem ungarischen Vizekönig, schien die Báthory ihre sadistischen Ambitionen zügelloser ausgelebt zu haben. Was hatte man ihr angetan? War sie Täter, war sie Opfer? Auf jede Frage stellen sich fünf Antworten und zehn Legenden in Reih und Glied.

ruinen-burg-cachticeUm dieser mysteriösen Frau auf die Schliche zu kommen, nahm ich ihre Fährte auf. Im letzten Jahrhundert. Habe die Ruine ihres Schlosses Csejte, heute Cachtice, in der Slowakei besucht. Habe ihr zu Ehren Blut gespendet. Um ehrlich zu sein, handelte es sich bei meinem Blutopfer um ein benutztes Tampon, dass ich theatralisch in den Burgruinen liegen lassen habe. Rot. Aus Impuls, im jugendlichen Elan, fern von Satanismus. Habe tagelang in der Nationalbibliothek von Budapest in alten Originalbüchern geschmökert, ihre degenerierte Familie studiert, Farin, Klaniczay und Sacher-Masoch gelesen. Je mehr Informationen und Phantasien – fremde und eigene – zusammenkamen, desto verwirrender das Gesamtbild.

‚Es sind junge Frauen gestorben‘ ist Fakt. Báthory hat sadistische Triebe in einer sadistischen Zeit gehabt. Anzunehmen. Wieweit ist sie gegangen? In dem Prozess von 1611 haben fast alle ‚Zeugen‘ gegen sie ausgesagt. Bis auf ihre Amme. Báthory hat sich nicht geäußert, hat sich nicht verteidigt, wurde nicht verurteilt. Wurde eingemauert. Prozesse im 17 Jahrhundert müssen nicht unbedingt vertrauensvolle historische Quellen sein. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen noch mehr Spekulationen hinzu, erdacht und erträumt. Das Bad im Blut. Köpfe halluzinieren Legenden. Jungfrauen kommen immer gut. Wir wissen wie Geschichte funktioniert. Was die Wahrheit über Erzsébet Báthory betrifft; diese rottet und modert in den Gemäuern von Cachtice. In unseren Köpfen blüht die Phantasie.

Ach ja, der Film, die Filme.

Bathory„, „Die Gräfin“.