„Der ganze Prozess, angefangen vom Bau der Kamera bis zum fertigen Bild, ist für mich wie ein Abenteuer."

Raumverzerrungen, Schachbrettmuster, reife Früchte, inszeniertes Gemüse: Edyta Wypierowskas Stillleben umweht ein Hauch von Jahrmarkt, antik gewachst und traumgebohnert.

Verblichen erscheinen die Fotografien der Polin Wypierowska. Verblichen und mit Patina belegt. Perspektivisch verzerrt. Vor allem aber unscharf. Die Unschärfe der selbst gebauten Lochkamera.

Stilleben I
Stilleben I

In ihrer Serie „Stilleben I“ richtet sie – inspiriert von August Kotzsch Arbeit von 1870  – diese Kamera auf Obst und Gemüse.

Die zu Arrangements drapierten Feigen, Zitronen, Trauben und Kirschen werden minutenlangen Belichtungszeiten ausgesetzt. Eine Zeit,  in der die Früchte vor der Kamera – geduldiger als Models aus Fleisch und Blut – die Reife zu vollziehen scheinen. Überreif und artfremd enden sie schließlich auf Barytpapier. Die partiellen Unschärfen verleiten dazu, das Auge genauer auf das Bild zu fokussieren. Es ist diese Unschärfe, die Wypierowska mitunter mit der menschlichen Wahrnehmung vergleicht: „Wir sind nicht im Stande, alles exakt zu beschreiben oder zu verstehen.“

Stilleben II

Andere Bildelemente wiederum hebt die Fotografin, die hauptsächlich mit Tageslicht arbeitet, mithilfe der Sonne und eines Spiegels hervor. Wie Traumfetzen reihen sich die Spielkarte, das überdimensionale Blatt, die Leiter in die Serie „Stillleben II“ ein.

Das Zirkuspferd trottet daher, die Manege leer, das Publikum schon seit Jahrzehnten fort, lediglich die Trapezleiter weht verlassen im Wind. Oder doch nur eine Schachfigur allein auf dem Spielfeld? Hier fängt die Geschichte an, hier hört sie auf.

„Wir sind nicht im Stande, alles exakt zu beschreiben oder zu verstehen.“

Die einzige Konstante, das immer wiederkehrende Element in dieser Serie ist das Schachbrett. Das Schachbrett als Verbindung von Raum und Zeit, als Symbol für Dualität. Schwarz-Weiß, Zufall-Schicksal; eine Bühne entsteht vor einem transparent-brüchigen, aufgewühlten Hintergrund, Wypierowskas Bühne.

„Der ganze Prozess, angefangen vom Bau der Kamera bis zum fertigen Bild, ist für mich wie ein Abenteuer.“ Ein Abenteuer aus einer Zwischenwelt,  mit einer Traummaschine im Bild festgehalten, ein Bild, das man nicht ganz fassen kann und einem entfleucht, so wie die Luftballons im Rachen des Himmels verschwinden, so wie die Zeit durch die Finger entrinnt.

Mehr Infos, mehr Bilder unter: www.wypierowska.com