Ja, einige können Natur zu Papier bringen. Würde ich auch gern können. Kann ich aber nicht. Obwohl ich gern durch Natur schreite. Wandere mein Herz. Sogar. Ich lass mir den digitalen Stecker ziehen und suche Plätze auf, an denen man nur unter fast unüberwindlichen Widrigkeiten ans Netz kommen kann. Am Ende der Welt. Nenn es Entzug. Ich suche also Natur, erhaben, fernab, menschenleer. Hoffe zu finden, was auch immer, zur Not auch mal mich. Und ahne den Misserfolg.

Das Grün des hügeligen Grünes könnte ich beschreiben, die azurblauen Wellen des verheißungsvollen Meeres. Von Zeit gewaschene Felsen, aal dich in Hitze, mittags in Sonne getränkt, der Wind richtet Brustwarzen auf, leichte Brise. Die Wolken spielen ein Stück, wehen Sorgen in mehreren Akten hinfort. Von wilden Blumen und roten Mohn könnte ich berichten, von glitzernden Steinen in feuriger Abendsonne und dem Klang des Wassers, wenn es sich im Ohr bricht. Denn all das sehe ich, höre ich. Auch. Beim Gehen. Und rieche den Duft von Salbei und Rosmarin. Es liegt in der Luft. Bereit.

Stattdessen sehe ich Leichen. Bei jedem Schritt. Bilder von abscheulich zugerichteten Körpern geistern mir durch den Kopf. Er schlug ihr den Kopf ab. Je schöner, abgeschiedener und intakter das Spiel der Natur, umso grausamer das Verbrechen. Im Kopf. Über alles wächst immer noch Gras. Phantasiert. Staunend schrecke ich jedes Mal zurück, wenn sich der Schatten, der Baum, der Stein oder die Blüte nicht als Tatort entpuppen. Vom verschmähten Liebhaber die Felsen ins rauschende Meer gestoßen, Knochen klappern gegen das Boot. Von der Tochter vergiftet und zwischen wild wuchernden Kräutern verscharrt. In Stücke geschnitten. Als Kind von der Mutter entsorgt, ein Maul mehr ging nicht zu stopfen. Der Stolz wetzt die Messer. Blühende Vorstellung, krank. Enttäuscht schau ich die Schlange an, die sich vor meinen Füßen kringelt. Sieht aus wie eine Kreuzotter. Könnte giftig sein. Aber bei weitem nicht so spannend wie das, was ich nicht sehe. Leichenschmaus.

Eigentlich bin ich erst einer Leiche in meinem Leben begegnet. Mein Großvater lag aufgebahrt, ich war sechs, er war kalt, ich war warm und er theatralisch geschminkt. Angst ist etwas anderes. Das unvorstellbar Vorstellbare ist das Grauen. Als wäre jeder Naturtrip ein Psychofilm. Teil eins bis hundert. Zuviel Krimis gelesen? Zuviel Zombologie inhaliert? Einen Massenmörder zuviel studiert? Schalt die Nachrichten ein. Die menschliche Niedertracht klopft an deine Tür.

Liege ich auf Felsen, es flimmert am Horizont, ein Augenblinzeln ist das Höchste an Bewegung, verschmierter Kajal in den Augenrändern, sehen grüne Augen türkisblau, brechen sich die Wellen, brechen  den Verstand auf, lullen dich in wattiertes Weich. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Ungeheuer im Wasser, eindeutig tot, treibt auf mich zu. Affenhirn ist mein erster Gedanke. Ist Afrika weit? Zartrosa, fleischfarben, beige, merkwürdig aufgequollen, unten gerollt, ich kann es nicht beschreiben. Ein Embryo womöglich, die Totgeburt dem Meer überlassen, die Geschichte nimmt ihren Lauf. Es würgt in mir. Etwas. Schau dir das genauer an. Ein Stück Brot nur, deformiert, aber Brot, aufgeweicht, nur Brot. Treibt auf mich zu. Hol Luft.

Finde ich keine Leiche, stell ich mir die Leichen vor, an denen ich vorbeiflaniere, ohne sie zu entdecken. Denke mir ihre tragischen Geschichten aus, sehe in jedem einsamen Wanderer den Mörder. Begleitende Filmmusik gibt es keine, nur die nervtötenden Geräusche eines Freischneiders. Imaginiert. Und der Presslufthammer. Einer muss ja an sie denken, auch wenn sie nicht gestorben sind. Noch nicht.

Die Leiche stößt ab, der Mörder zieht an. Lass mich in deinen Kopf. Lass mich in die Unterkammern deines kranken Hirns, lass mich aufräumen. Welche Sicherungen sind warum durchgebrannt? Ein süßer Spatz nimmt den einen Brotkrummen vom Boden und fliegt zu seinen Jungen. Fütter dein Tier. Abend für Abend kommt er mich besuchen. Am Ende der Welt. Von Katzen meint er nichts zu wissen. Schicksal, ich seh dich deutlich schleichen. Am Ende der Welt gibt es „Gesammelte Leichen“.