Verwirrung beim Anblick der auf der Treppe positionierten Armee von vermummten Schwangeren – gibt es ein bedrohlicheres Bild für Fruchtbarkeit? Weibliche Kriegsmaschinen, menschliches Nachrüsten, ein paar Bilder weiter bilden verschleierte Köpfe eine undurchdringliche Mauer. Die Mauer des Schweigens. Individualität scheint verloren. Für immer aus und vorbei.

Solche und ähnlich düstere Assoziationen von Krieg und Gefangenschaft, Uniformität und religiösem Wahn, Isolation und Gehorsam drängen sich beim Betrachten der Fotografien von Misha Gordin auf.

Konzeptfotografie nennt der gebürtige Lette seine Inszenierungen menschlicher Köpfe und Körper, die er inmitten von Nirgendwo, in der Nähe eines Albtraumes zu modellieren scheint. Grellem Licht ausgesetzt, gleichzeitig in Dunkelheit getaucht und schließlich der Anonymität der Masse preisgegeben; Gordins Wesen sind auffallend symmetrisch in Geschichten voller Leid angesiedelt, postapokalyptisch und irgendwie real. „Die echte Kraft der Fotografie zeigt sich, wenn abweichende Realitäten als existierend empfunden werden“ bekräftigt Gordin.

Das Transkribieren persönlicher Konzepte in die Sprache der Fotografie bedeutet für den Künstler eine wochenlange, absolute Präzision erfordernde Arbeit. Das In-Szene-Setzen der jeweiligen Motive findet immer draußen bei natürlichem Licht statt. Statt Photoshop setzt Gordin auf die arbeitsaufwendigeren analogen Verfremdungstechniken wie Maskieren, Abwedeln und Negativretusche. In der Dunkelkammer legt er  die verschiedenen Negative übereinander, bis sich alles zu einem Bild zusammenfügt: „Meine Arbeit zeigt kein Erbarmen. Fehler können zwar gemacht, jedoch nicht korrigiert werden.“ Seine Menschenmassen bestehen meistens aus einem einzigen Model, zigmal dupliziert.

„Es ist, als ob ich male“ – statt eines Pinsels, nimmt er eine Kamera mit  auf seine Odyssee. Erforscht das Dasein. Und löst Grauen aus. Doch: Wenn der Mond über der Szenerie leuchtet oder ein offenes Augenpaar aus einer eintönigen Symphonie aus Grau heraus sticht, so grüßt die Hoffnung. Wenn die Kleider der wie buddhistische Mönche wirkenden Menschen im Winde wehen, dann weht auch ein Hauch von Freiheit und Erlösung daher. Gordin wehrt sich vehement gegen jedwede Interpretation – und lässt alle zu.

Misha Gordin was born in 1946. He grew up in the Russian speaking country of Latvia where the Russian culture became his root culture. He graduated from a technical college as an aviation engineer but never worked as one. Instead he joined Riga Motion Studios as an equipment designer for special effects. He started taking photographs at the age of nineteen and about a year later decided that he would be a conceptual photographer. At the age of 28, disgusted with communism, he left his country and for the United States. Mr. Gordin now continues to work while living a secluded life.

So folgt man den Protagonisten und ihrer Körpersprache, spürt ihr durch Isolation begrenztes Sein, taucht ein in Bildwelten voll schauriger Schönheit und hält Ausschau nach einem Hoffnungspfad, den Misha Gordin meistens auch auszulegen bereit ist. Und sei es nur ein Schrei, der das Schweigen zerbirst.

Mehr von Misha Gordin unter http://bsimple.com/.