Eimer, Rosenthalerstraße, Ost-Berlin 1994

Damals ist immer wann anders. Aber damals als die Mauer fiel, blieb die Zeit stehen. Der Atem stockte. Blieb die Zeit in unseren Herzen stehen. Als die Welt nach Atem rang, zerbarsten wir über Berlin in Millionen Fragmente. Und erfanden uns neu. Wer auch immer wir vorher waren, oder nicht waren, wir waren es danach nie wieder.

Während sich die Menschheit sammelt und die Geschichte sich langsam ordnet, fallen Teile Berlins in Trance. Damals in den 90ern. Wie von Geisterhand entfesselt stampft die Stadt ihren eigenen Rhythmus. Marode Häuserfassaden, jahrzehntelang verlassene Keller werden zur Bühne für eine unkontrollierbar wütende Energie. „Reiß alles nieder, steig aus der Asche empor“ heißt das Stück. Im Schutt schicksalhafter Geschichte geben sich Kunst, Trash und Techno ein Stelldichein. Mitten auf der Straße. Dichte mein Werk. Zusammengeschusterte Galerien und Clubs sprießen wie Unkraut aus dem wiedervereinigten Boden, halb legal, oft illegal. Kleb die Landkarte zusammen. Es gibt kein Morgen danach. Ist das Gefühl. Es gibt keine Regeln, lebe es aus, atme es ein, alles ist erlaubt.

Die baskische Fotografin Eva Otaño Ugarte nimmt sich mit ihrer analogen Rollei 35 Classic dieses Zustandes an. Damals und in Schwarz-Weiß. „Ich fotografiere auch in Farbe, ziehe aber Schwarz-Weiß vor. Ich liebe diesen Hauch des Klassischen, ich liebe den Kontrast und spiele gerne mit Schwarz.“ Sie taucht inmitten der Turbulenzen auf, aber auch in den Zwischenräumen des Pulsierens, dort wo Kontraste zuhause sind.
Blai Bar, Ost-Berlin, 1994.

Ugarte ist ein Scout, schweift umher, liest die Zeichen der Stadt. Entschlüsselt mit ihrer Kamera die Stille, fängt den Glanz in den Augen ein, das Lachen im Augenblick, das natürliche Spiel des Lichtes. Indem sie auf künstliche Beleuchtung verzichtet und nur aus den vor Ort vorhandenen Lichtquellen schöpft, transportiert sie Stimmung unverfälscht weiter. Zwar wirken ihre Bilder auf den ersten Blick wie journalistische Schnappschüsse, diese entstehen jedoch durch zeitintensive Beobachtungen. Ihr Dérive führt sie immer wieder zum Eimer in die Rosenthalerstraße, zum Tacheles, zum Alexanderplatz, zum Palast der Republik. Sie erwandert die Auguststraße, Linienstraße, Kastanienallee und den Mauerpark. Tag für Tag.

Wir ziehen in den Osten der Stadt, der Osten ist wild, ist verkommen, ist schwarz-weiß. Die Romantikglocken läuten in deinem Hirn, vielleicht ist es aber auch nur das Rattern des Presslufthammers. Unter dem Grau, unter dem Schleier aus Staub, Trabi-Abgasen, Kohleöfen und Kommunismus, lugt ein verwaschenes Bunt hervor. Wir wischen den Staub von unserer Seele und tanzen den Untergrund. Dazwischen die Ruhe.

Ugarte geht es weniger darum, aus einer Erfahrung ein einzelnes konstruiertes Bild herauszuholen, als in einer Serie Menschen und Atmosphäre einzufangen. Das magische Jetzt am Rande des Bewusstseins. Der Künstler schläft im Sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, Bilder wiegen schwer. Trabis parken auf geflickten Wegen, von tristen Mülltonnen gesäumt, die Straßen führen ins Nirgendwo. Sie pirscht sich wie der Jäger an seine Beute heran. Drückt immer im richtigen Augenblick ab. Vergessen ist eine Kunst. Sie fängt ihn ein, den verloren geglaubten Moment. Sich erinnern ist eine andere Kunst.

Keine Deutschkenntnisse und keinen Job zu haben, eröffnen Ugarte die Freiheit, sich – einer modernen Nomadin gleich – mit ihrer Kamera auf die Geschehnisse einzulassen. Den Blick auf das Fremde inmitten dieser neuen Mitte zu zelebrieren. „Die Kunstszene in Mitte bot mir die Möglichkeit, ein aufregendes Leben fernab des normalen Systems zu leben. Es war der Drang nach Abenteuern, der mich damals als Scout magisch nach Ost-Berlin gezogen hat.“ Die Fotografin wird zum Teil dessen, was sie ablichtet. Und schiebt die Distanz der Fotos zwischen die überrollenden Ereignisse. Wie eine Pause. Hol Luft.

Man fühlt die Stille in Ugartes Fotos, die Weite. Hört das befreiende Lachen verhallen. Das Dazwischen. Und ahnt den Sturm, der auf die Ruhe folgt. Auf den ersten Blick sind Ugartes Bilder einfach in ihrer Komposition, als Stillleben eines aus der Zeit gefallenen Wunschraumes zeugen sie heute von Vergänglichkeit. Doch kaum merklich bewegen sie sich auf dich zu, spucken Erinnerungsfragment auf Erinnerungsfragment aus. Dir ins Gesicht. Damals kommt und damals bleibt.

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