Straight home

In den mitunter ironischen Selbstinszenierungen des Fotografen Gilbert Garcin scheint die gesamte Bandbreite der menschlichen Komödie angelegt zu sein. Jede seiner minimalistisch gestalteten Fotografien gleicht einem theatralischen Akt auf der obskuren Bühne des Lebens.

Ein älterer Mann mit schütterem, weißen Haar, in leicht gebückter Haltung und in einen grauen Mantel gehüllt, taucht an verschieden Orten auf. An Orten, die an der Grenze zum Realen angesiedelt und im Stil der Stummfilmästhetik ausgeleuchtet sind. Er ist von hinten zu sehen, im Profil, von vorne, alleine oder in Begleitung: Dieser unscheinbar wirkende Mann lädt ein, ihm zu folgen, sich auf rätselhafte Abenteuer einzulassen, in denen menschliche Marionetten von unsichtbarer Hand gezogen werden oder ein aus Steinquader zusammengesetzter Kopf in seine Bestandteile zerbröckelt. Zeit ist dein Schicksal, Mensch.

Work in progress

Dieser Mann ist Gilbert Garcin. Als er zu fotografieren anfängt, ist er bereits 65 Jahre alt. In seiner kurzen fotografischen Laufbahn ist er nicht nur zum Regisseur, Bühnenbauer und Fotograf seiner Inszenierungen avanciert, vielmehr gibt er auch den Hauptprotagonisten dieser Bilder. Es gibt kaum ein Foto von Garcin, auf dem Garcin nicht zu sehen ist. Stilisiert zu einer Allerweltsfigur in der Tradition eines bieder-komischen Monsieur Hulot, dessen Slapstickeinlagen sowohl Humor wie auch Gesellschaftskritik transportieren, durchläuft Garcin seine eigene Odyssee. „Hinter meinen Bildern liegen aber keine zu Ende geschriebenen Geschichten“, betont er. „Ich versuche lediglich Räume zu schaffen, in die die Betrachter ihre eigenen Vorstellungen projizieren und ihre eigenen Abenteuer erfinden kann.“ Er gibt nur die Parameter vor. Zwar erscheinen die Untertitel wie ausgelegte, helfende Fährten, können aber – sicherlich ganz im Sinne des Erfinders – noch mehr Verwirrung stiften.

Garcin montiert seine eigene Person inmitten seiner angedeuteten Geschichten. Für ihn hat die Wahl, sich selber abzulichten – im Laufe der Zeit ist seine Frau als zweite Figur hinzugestoßen – weniger narzisstische als pragmatische Gründe. So ist er unabhängig von Models und bringt durch die Erscheinung des „Mr. Everybody“ Kontinuität in seine Serien. Aber „es ist ein wenig schmerzhaft, sich ständig den Kopf abzuhacken“, schmunzelt Garcin. Womit die Erklärung gegeben wäre, warum er nicht zu altern scheint. Seit über 15 Jahren verwendet er für sein Gesicht die immer gleichen Vorlagen, die in die neuen Szenen eingefügt werden.

L'heure exquis

In La Ciotat bei Marseille, hat er sich ein kleines Atelier eingerichtet, nichts Spektakuläres, nur ein kleines Zimmer mit einem Tisch und einer Leinwand. Garcins Technik ist genauso minimalistisch gestaltet wie seine Fotografien und weit entfernt von digitaler Bildbearbeitung. Zuerst kommt die Skizze. Anschließend – für seine Nachbarn ist dies der amüsante Teil –  nimmt er eine Pose ein und fotografiert sich selber mit einer Kleinbild-Spiegelreflexkamera. Er entwickelt das Foto, so dass er ungefähr 15 cm groß erscheint und schneidet die Figur anschließend aus. Der Tisch wird zur Bühne: Sand – ein immer wieder kehrendes Element – wird ausgebreitet. Darin wird das an einem Stück Draht befestigte Bild positioniert. Auf die Leinwand werden Wolken oder ein sonstiger Hintergrund projiziert, die Szenerie wird gut ausgeleuchtet und abschließend fotografiert. Garcin weiß, wie simpel seine Vorgehensweise ist: „Viele denken, ich würde eine ausgeklügelte Technik benutzen. Dabei ist es so einfach, dass wahrscheinlich niemand außer mir so arbeitet. Vielleicht erscheint diese Einfachheit auch nicht seriös genug.“ Dabei liegen die Vorteile für ihn auf der Hand: „Da es keine Collage ist, kann ich echte Gegenstände in die Szene einfügen, so wie Steine und Matsch. Und diese Objekte werfen echte Schatten, genauso wie die ausgeschnittenen Figuren Schatten werfen.“ Der gesamte Prozess beträgt vier bis fünf Tage, wenn alles gut geht, produziert er eine Fotografie die Woche.

L'avenir n'est plus ce qu'il était

Die Diskussion, ob Garcins Bilder überhaupt in die Kategorie der klassischen Fotografie fallen, ist schon zu Beginn seiner fotografischen Karriere entbrannt. Die Antwort eines Museumsdirektors auf die ihm zugesandte Mappe lautete: „Kommen Sie wieder, wenn Sie sich dazu entschlossen haben, richtige Fotografien zu machen.“ Zum Glück war Gilbert Garcin zu diesem Zeitpunkt keine 18 mehr, wo solch eine Aussage durchaus zur Folge hätte haben können, die Kamera und seine Visionen entmutigt in die Ecke zu werfen.

In mehr Bildern von Gilbert Garcin stöbern kann man in den Fotobüchern Tout peut arriver – Anything could happen und Mr. G. , beide im Verlag Filigranes Editions erschienen, oder unter www.gilbert-garcin.com.